Pressefreiheit in Irland: politische Gleichgültigkeit und Kommerzialisierung von Informationen

, von  Robert Tolan, übersetzt von Ida Leinfelder

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Pressefreiheit in Irland: politische Gleichgültigkeit und Kommerzialisierung von Informationen
Der Kostendruck auf die Medien setzt deren Qualität zu. Foto: Unsplash / Bank Phrom / Unsplash License

Laut den Reporters sans Frontieres (RSF) ist Irland Platz 15 auf der weltweiten Liste der Pressefreiheit. Ein trauriges Ergebnis, für ein Land, das für seine Autor*innen weltbekannt ist. Die Pressefreiheit in Irland hat in den letzten Jahren stark abgenommen. Die erschreckenden Konsequenzen sind wachsende politische Apathie und eine Zunahme an falscher Berichterstattung. Laut RSF sind dies Folgen der Medienkonzentration in Irland.

Klicks vor Qualität

Es kann von nichts anderem als einem Kartell gesprochen werden, wenn man sich die großen Print-Konzerne der nationalen und regionalen Medien genauer ansieht: „Irish News and Media“ – mit dem Flaggschiff „Irish Independent“ – und die „Irish Times“. Der staatliche Anbieter Raidió Teilifís Éireann (RTÉ) dominiert das Radio, während der ausschließlich digitale Anbieter „Journal.ie“ über die Berichterstattung im Internet herrscht. Um den Verfall des Journalismus in Irland besser zu verstehen, sollte man sich besonders das jüngste Mitglied dieses Kartelles, Journal.ie, genauer ansehen.

Die Einnahmen von Journal.ie werden nicht über Abo-Möglichkeiten, sondern über Klicks generiert. Angesichts der mangelnden Qualität der Artikel wäre ersteres auch eine Zumutung. Es scheint ganz, als würde es keine korrigierende Instanz vor der Veröffentlichung der Artikel geben: falsche Schreibweisen und grammatikalische Fehler kommen ebenso vor, wie das Verbreiten von faktisch unzutreffenden Aussagen. Das “Journal” ist also weit weg von einem Nachrichtenmedium. Es kommt eher daher, so wie eine Mischung aus Behauptungen und Beleidigungen gegenüber der englischen Sprache.

Umso besorgniserregender, dass dieses „Journal“ das beliebteste Medium der irischen Jugend ist. Einzig und allein in der Kommentarspalte, unterhalb der Artikel, lässt sich wirklicher Journalismus finden: prägnante Meinungen, unterstützt durch Fakten. Schade also, dass kürzlich die Kommentarfunktion deaktiviert und somit wahrscheinlich auch die letzte Spur von Journalismus im Journal.ie ausgelöscht wurde.

Das wird aber wahrscheinlich nicht zum Beliebtheitseinbruch der Seite führen. Die Leute haben sich zu sehr daran gewöhnt, dass gesichts- und rechenschaftslose Moderator*innen Entscheidungen über die Legitimität von Standpunkten treffen. Mit den Worten von Howard Beale, ist es an der Zeit, “mad as hell“ zu werden und sich das nicht mehr gefallen zu lassen!

Tief in der Meinungslosigkeit

Die Rechenschaftspflicht der Presse ist ein wichtiger Aspekt von Pressefreiheit. Der Weg, der vor ihr liegt, sieht düster aus. Rechenschaft und Freiheit der Presse brauchen und bedingen sich gegenseitig, da die freie Presse unvermeidlich bestimmte Standards einhalten muss. Die irische Regierung berät momentan über ein dringend benötigtes Gesetz zu Hate-Speech. In einem Land, in dem die extreme Rechte und die extreme Linke immer präsenter werden, war das längst überfällig. In seiner jetzigen Form scheint der Gesetzentwurf allerdings voller Schlupflöcher. Man beachte den starken Zusammenhang zwischen eingeschränkter Presse und der Vorherrschaft extremer Ansichten. Sollten durch das Gesetz extreme Ansichten nicht mehr auf klassischem Wege geäußert werden können, wird, an dem Gesetz vorbei, ein anderer Weg gefunden, um diese Ansichten kundzutun.

Angenommen, die Regierung behält diesen Gesetzentwurf bei, würde das dazu führen, dass couragiertere Medien dem Gesetz zum Opfer fallen. Zurück zu den großen Zeitungen: Dieser Effekt würde der Irish Times und der Irish Independent auch noch das letzte bisschen Farbe entziehen. Die beiden Zeitungen sind sich, sowohl in ihrer konservativen Haltung als auch in anderer Hinsicht, schon jetzt sehr ähnlich. Es macht sich keiner von beiden groß für das Konträre stark, wenn es doch mal versucht wird, hört man nur ein leises Krächzen. Ich bin je nach Stimmung mal mehr, mal weniger froh, Ludwig Wittgensteins Philosophie verschrieben zu sein. Aber im Gegensatz zur irischen Presse gebe ich diese Voreingenommenheit zu, wenn ich sage „limited language limits one’s world“ – eingeschränkte Sprache begrenzt die eigene Welt. Als Mathematikstudent weite ich das Zitat noch aus und sage: die Presse ist eine Teilmenge der Welt, daher folgt aus einer eingeschränkten Sprache auch eine eingeschränkte Presse.

Die irische Presse versagt in ihrem Sprachgebrauch so kläglich, dass man denken könnte, es sei absichtlich. Nicht nur, dass sie sich nicht an einen gewissen Schreibstandard hält, sie geht noch weiter und schreibt mit dem Ziel nichts zu sagen. Die einzige Ausnahme ist Michael Harding von der Irish Times, der, als einer der wenigen großen irischen Journalist*innen, kein Journalistikstudium absolviert hat.

Dies deutet darauf hin, dass etwas Grundlegendes innerhalb der Journalismus-Lehre nicht stimmen kann. Vielleicht ist es die Lüge, dass Journalismus ein Beruf ist, den man an Universitäten unterrichten kann. So oder so: Endprodukt ist eine Generation von pseudo-Journalist*innen mit Journalismus-Abschlüssen, die vielleicht gut schreiben können, aber völlig ohne Meinung sind.

Und doch: ein Hoffnungsschimmer

Nichtsdestotrotz gibt es Hoffnung. Mein eigenes College, das Trinity College Dublin, ist ein gutes Beispiel. Der Publikationsausschuss unterstützt etwa zehn Zeitungen, Zeitschriften und Studentenjournale, die er alle frei auswählen kann. Das geht soweit, dass eine der unterstützen Publikationen eine satirische Zeitung ist, die schon in ein paar juristische Auseinandersetzungen verwickelt war. Trotzdem gibt es sie noch und sie bleibt weiterhin stark. Man kann also zu Recht sagen, dass es eine Menge junger Menschen gibt, die sich für die freie Presse in Irland einsetzen. Jetzt müssen sie sich nur noch einbringen und ihr Potential ausschöpfen.

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