Standpunkt: Kritik an Solidarität mit Deniz Yücel

, von  Yannic Lacombe

Standpunkt: Kritik an Solidarität mit Deniz Yücel
„Man kann darüber verwundert sein, warum Deniz Yücel von der Regierung jenen Landes, für dass er ja nach eigener Aussage nur Verachtung übrig hat, ausgerechnet jetzt diplomatische Hilfe erwartet.“ © Daniel Snelson / Flickr / CC 2.0-Lizenz

Treffpunkt Europa verzichtete am 2. März darauf, neue Artikel zu veröffentlichen. Auch gestern erschien ein solidarischer Beitrag. Um ein Zeichen zu setzten. Gegen die willkürlichen Verhaftungen von Journalisten in der Türkei. Insbesondere gegen die von Deniz Yücel. Das ist gut. Zumindest auf den ersten Blick.

„In Solidarität mit dem Flörsheimer Journalisten Deniz Yücel veröffentlicht treffpunkteuropa heute keine Artikel. Treffpunkteuropa bleibt schwarz. Denn gäbe es keine Journalisten wie Deniz Yücel, dann wäre nicht nur treffpunkteuropa, sondern alle anderen Medien und das gesamte demokratische Leben schwarz.“ Wer gestern auf der Suche nach neuen Publikationen diese Seite öffnete, stieß auf ebendiese Sätze. Treffpunkteuropa ist nicht das erste Medium, dass seine Solidarität mit dem deutsch-türkischen Journalisten Yücel, der für ’taz’ und ’Welt’ schreibt und vor gut zwei Wochen in Istanbul festgenommen wurde, bekundet. Zeitungen, Radio- und Fernsehsender sowie Politiker nahezu jeder Couleur (bis hin zu Angela Merkel) fordern die Freilassung des Reporters sowie die weiterer inhaftierter Oppositioneller.

Nun besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass die Türkei auf dem besten Wege ist, zu einem autokratisch regierten Staat zu werden, indem der Rechtssaat außer Kraft gesetzt wird. Auf der Rangliste zur Pressefreiheit rangiert das Land auf Platz 151. Daher ist es richtig und wichtig, dass Presse und Bundesregierung sich dafür einsetzen, zu Unrecht im Gefängnis sitzende Bürger aus der Haft zu befreien. Doch im Fall von Deniz Yücel bliebt leider ein fader Beigeschmack. Denn er hat Aussagen getätigt und Artikel veröffentlicht, bei denen man nach der Lektüre, vorsichtig formuliert, durchaus irritiert zurückbleibt.

In der ’taz’ bezeichnete er Thilo Sarrazin in Anspielung auf die Folgeschäden eines erlittenen Schlaganfalls als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ und wünschte sich, dass „der nächste Schlaganfall sein Werk gründlicher verrichten“ würde. Eine Aussage, die an Pietätlosigkeit nicht zu übertreffen ist.

Im August 2011 schrieb er ebenfalls für die ’taz’ eine Kolumne mit dem Titel „Super, Deutschland schafft sich ab!“, in der es unter anderem heißt: „Endlich! Super! Wunderbar! Was im vergangenen Jahr noch als Gerücht die Runde machte, ist nun wissenschaftlich (so mit Zahlen und Daten) und amtlich (so mit Stempel und Siegel) erwiesen: Deutschland schafft sich ab!“ Dies hänge damit zusammen, dass Deutschland den niedrigsten Anteil an Minderjährigen in Europa hätte. Im weiteren Verlauf des Artikels freut sich der Autor, dass den „Ossis“, deren Hobby das „Ausländerklatschen“ sei, als erstes „der Nachwuchs ausgehen“ würde, beschreibt den vermeintlichen „Abgang der Deutschen“ als „Völkersterben von seiner schönen Seite“ und stellt sich die Frage, was man mit dem „Raum ohne Volk, der bald in der Mitte Europas entstehen wird“, anfangen könne.

Nun kann man die Aussagen Yücels als schlechte Satire abtun. Man kann sich aber auch die Frage stellen, was einen in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Journalisten dazu bewegt, so zu denken. Und man kann ebenfalls darüber verwundert sein, warum er von der Regierung jenen Landes, für dass er ja nach eigener Aussage nur Verachtung übrig hat, ausgerechnet jetzt diplomatische Hilfe erwartet. Vor allem sollte sich Yücel, sollte er eines Tages freigelassen werden, fragen, ob eben dieses Land der richtige Ort für ihn ist, ein glückliches Leben zu führen.

Anmerkung der Redaktion: Wie jeder Artikel bei treffpunkteuropa spiegelt die hier geäußerte Meinung ausschließlich die des Autors wider.

Ihr Kommentar

  • Am 6. März um 13:48, von  Friedrich Jeschke Als Antwort Standpunkt: Kritik an Solidarität mit Deniz Yücel

    Nun, ich finde er übertreibt es in den von Ihnen zitierten Passagen zwar, aber damit schafft er eine Diskussion. Und ich stimme Ihnen zu, dass es sich um geschmacklose Aussagen handelt, gleichzeitig aber gerade in Bezug auf das Beispiel der Demographie, nicht von der Hand zu weisen ist.

    Böse, spitze Zunge sind wir auch von anderen Journalisten gewöhnt. Ja, oft ärgere ich mich auch über so manche Feder - aber wenn wir ein freier Staat sind und sein wollen, dann auch für jeden Journalisten, der die Grenzen auslotet. Die „Welt“ gehört nicht zu meinen favorisierten Blättern, aber gerade unsere Freiheit und Stärke ist, dass wir sie eben haben.

    Daher: seht gut dass es Solidarität gibt, sehr gut, dass man nicht vergisst, wer Herr Yücel ist.

  • Am 6. März um 17:30, von  Martin Samse Als Antwort Standpunkt: Kritik an Solidarität mit Deniz Yücel

    Mir war nicht bewusst, dass ausgerechnet Yücel das berüchtigte Sarrazin-Zitat gebracht hat. Wenn ich mich recht erinnere, hat er dafür auch entsprechend Gegenwind bekommen. (Zurecht...)

    Trotzdem finde ich, dass du die Geschmacklosigkeiten Yücels’ nicht mit eigenen Geschmacklosigkeiten beantworten solltest. Dein Schlusssatz erinnert mich doch sehr an den PEGIDA-Klassiker: „Wer Deutschland nicht mag, soll Deutschland verlassen.“

    Man muss nicht jede Dummheit mit einer neuen Dummheit beantworten.

    Ansonsten wichtiger Kommentar. Peace.

  • Am 6. März um 17:31, von  Arthur Molt Als Antwort Standpunkt: Kritik an Solidarität mit Deniz Yücel

    Lieber Yannic, zuerst habe ich mich mächtig aufgeregt über deinen Artikel. Jetzt möchte ich dir danken, dass du mich auf die wunderbare Kolumne von Deniz Yücel aufmerksam gemacht hast.

    Die Kolumne „Super, Deutschland schafft sich ab“ ist das was dein Artikel nicht ist: gut geschrieben. (Hier zum nachlesen: http://www.taz.de/!5114887/)

    Sie stammt aus einer früheren Schaffensphase (Artikel von 2011) von Deniz Yücel, als dieser noch bei der taz war. Die taz ist eine linke Zeitung und bekannt für ihre satirischen und zugespitzten Artikel.

    Eigenwillig. Dieses Wort trifft den Charakter und Stil von Deniz Yücels Artikeln ganz gut. Und eigenwillige Menschen machen sich über alle und jeden lustig. Und es ist gut, dass es eigenwillige, ja auch pietätlose Journalisten gibt. Es ist sicher besser als staatstragende Journalisten zu haben, die der Masse nach dem Mund reden. Seine Texte halten uns einen Spiegel vor. Und sind einfach geil geschrieben. Kleine Kostprobe?

    „Der Erhalt der deutschen Sprache übrigens ist kein Argument dafür, die deutsche Population am Leben zu erhalten. Denn der Deutsche und das Deutsche haben miteinander etwa so viel zu schaffen wie Astronomie und Astrologie. Oder besser noch: wie Lamm und Metzger.“Für seinen Schäferhund und seine Wohnzimmerschrankwand empfindet der Deutsche mehr Zärtlichkeit als für seine Sprache„, bemerkte Thomas Blum einmal.“

    Zweierlei kann dir aufgefallen sein. A) Deniz Yücel sorgt sich um die deutsche Sprache. Das solltest du auch tun. B) Er ist nicht der einzige, der Kritik an den Deutschen und deren Nachlässigkeit mit ihrer Sprache übt. Thomas Blum klingt sicher auch in deinen Ohren ziemlich deutsch. Aber keine Angst, das sind nicht die bösen Antideutschen, die die AfD überall vermutet. Es ist einfach ein entspannter, selbstkritischer, selbstironischer Umgang mit der eigenen Identität. Wie der frische Wind, der das Wohnzimmer mit der Schrankwand-Volleiche durchlüftet, wenn die Oma sauber macht.

    Yücel hat sich schon über vieles lustig gemacht. Über das ständige Meckern der Deutschen genauso wie über das großmäulige Geprotze der türkischen Regierung. Wer mit sich im Reinen ist, Humor versteht und ertragen kann, der lacht mit.

    Leider kann man mit Bestimmtheit sagen, dass die türkische Regierung wenig Spaß versteht und kritische Geister wie Deniz Yücel lieber einsperrt. Das ist jetzt erst mal ein Fakt.

  • Am 6. März um 17:32, von  Arthur Molt Als Antwort Standpunkt: Kritik an Solidarität mit Deniz Yücel

    Eigentlich schade, dass ich hier für jemanden Partei ergreifen muss, der dir viel wortgewandter als ich seine Meinung sagen könnte. Aber im Gefängnis ist es schwierig Artikel zu schreiben. Echt wahr.

    Also ich muss das jetzt noch einmal schreiben, weil du es offensichtlich nicht kapiert hast: Deniz Yücel sitzt im Gefängnis.

    Er sitzt dort weil er für eine der führenden deutschen Zeitungen Informationen für deutschsprachige Leser beschaffen wollte. Er würde gerne an der Meinungsfreiheit teilhaben, die du von deinem Sessel aus in Anspruch nimmst.

    Vermutlich hältst du dich für einen Patrioten lieber Yannic und denkst: "Frage nicht was dein Land für dich tun kann (beispielsweise diplomatische Hilfe im Ausland), sondern was du für dein Land tun kannst (Ja, was eigentlich lieber Yannic?). Ich weiß was Deniz Yücel für uns, die europäische Öffentlichkeit getan hat: er hat seine Freiheit riskiert, damit wir unverfälschte Nachrichten aus der Türkei bekommen.

    Deine letzte Frage macht mich vor diesem Hintergrund sprachlos: „Vor allem sollte sich Yücel, sollte er eines Tages freigelassen werden, fragen, ob eben dieses Land der richtige Ort für ihn ist, ein glückliches Leben zu führen.“

    Lieber Yannic, ich bin mir sicher, dass Yücel freigelassen wird. Und er wird sicher überglücklich sein, seine Kollegen und Freunde in Deutschland wiederzusehen. Und über unsere Auseinandersetzung hier würde er sicher lachen. Aber dafür muss er erst mal aus dem Gefängnis raus. Denn das ist gar nicht zum Lachen. Ehrlich wahr.

    Liebe Grüße,

    Arthur

    ließ doch meinen Artikel, wenn du magst: https://www.treffpunkteuropa.de/deniz-yucel-grosster-spion-wo-gibt

  • Am 8. März um 10:25, von  Yannic Als Antwort Standpunkt: Kritik an Solidarität mit Deniz Yücel

    Zunächst einmal danke für Eure/Ihre Kommentare. Ausdrücklich auch für die sachliche Kritik. Zur Klarstellung: Kein Journalist sollte wegen seiner Publikationen inhaftiert werden. Nirgedwo auf der Welt. Deshalb ist die klammheimliche Freude über die Tatsache, dass Yücel in der Türkei im Gefängnis sitzt, die etwa AfD-Politiker im Internet bekundeten, völlig unangemessen.

    In der Türkei kommt es, wie allgemein bekannt ist, derzeit zu tausenden solcher Verhaftungen. Jede ist eine zuviel. Vielleicht war mein Artikel diesbezüglich etwas unklar, denn natürlich hoffe ich, dass jeder zu unrecht inhaftierte Oppositionnelle so schnell wie möglich wieder freigelassen wird. Natürlich auch Deniz Yücel.

    Das einzige, was ich mit meinem Artikel ausdrücken wollte, ist die Tatsache, dass es mir persönlich etwas schwerfällt, mich öffentlich mit einer Person zu solidarisieren, die anderen Menschen den Tod wünscht (denn nichts anderes sagt das Sarrazin-Zitat ja aus) und beim Begriff „Völkersterben“ von etwas „schönem“ spricht. Nicht mehr und nicht weniger.

    Denn eine Demokratie lebt davon, dass auch solche Äusserungen publiziert werden dürfen. Und das ist gut so. Deshalb hätte Yücel natürlich niemals inhaftiert werden dürfen. Doch seine Aussagen muss man trotzdem kritisieren können.

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