Ein Konzertabend mit Jakub Jósef Orliński

„Unser kleiner Spielplatz“: Polnische Kunstlieder auf den Bühnen Europas

, von  Martin Müller

„Unser kleiner Spielplatz“: Polnische Kunstlieder auf den Bühnen Europas
Mit seinem neuen Album „Farewells“ geht Orliński einen ganz neuen Weg. Foto: Jakub Jósef Orliński / Jiyang Chen / Verwendung gestattet

Jakub Jósef Orliński zählt zu den besten Countertenören der Welt. Auf seinem jüngsten Album „Farewells“ singt Orliński bewegende Stücke von unbekannten polnischen Komponisten – und geht damit einen ganz neuen Weg. Bei seinem jungen Publikum kommt das an.

Jakub Jósef Orliński hat noch keine Note gesungen, da donnert ihm erstmals der Beifall des Publikums entgegen. Es ist Anfang Juni und Orliński steht auf der Bühne der Berliner Philharmonie, im Kammermusiksaal. Die Zuschauerreihen sind hier rings um die Bühne steil nach oben gebaut, das Konzert ist ausverkauft. Der Künstler verbeugt sich in alle Richtungen, das Klatschen des Publikums dröhnt weiter. Dann nimmt Orliński vor einem geöffneten Flügel Position ein. Der Pianist, Michał Biel, setzt sich.

Orliński zählt zu den besten Countertenören der Welt. Mit warmer, leuchtend klarer Stimme singt der 31-Jährige technisch anspruchsvolle Werke der Komponisten Purcell, Vivaldi und Händel. Die Interpretationen der Barock-Stücke haben Orliński berühmt gemacht. Mit seinem neuen Album geht der Künstler jedoch einen ganz neuen Weg. Unter dem Titel „Farewells“ hat Orliński eine Reihe von alten polnischen Kunstliedern aufgenommen. Es sind faszinierende Melodien von Komponisten wie Mieczysław Karłowicz und Stanisław Moniuszko. Namen, die selbst Kennern der Musikszene kaum etwas sagen.

„Es gibt so viel, was man mit diesen schönen Gedichten, mit den Worten machen kann“, schreibt Orliński auf Nachfrage von treffpunkteuropa.de. Es gehe ihm um die Details, die durch die Texte freigelegt werden könnten. Zusammen mit der Musik entstehe etwas Magisches. Dabei wolle sich der Countertenor ausprobieren: „Ich betrachte Sprachen als eine Art Spielplatz, und dieses ganze polnische Album ist unser kleiner Spielplatz.“ Zudem sei es natürlich etwas anderes, in der eigenen Muttersprache zu singen. „Ich weiß immer, worüber ich singe“, schreibt Orliński, „Ich habe oder entwickle immer eine tiefe emotionale Verbindung mit dem Text und der Musik.“

Karłowicz: Anstrengung, Hoffnung, Traurigkeit, Liebe

Aufgewachsen ist Orliński in Warschau als Kind einer Künstler:innenfamilie. Mit acht Jahren sang er das erste Mal in einem Chor, später studierte er an der Fryderyk-Chopin-Universität für Musik und besuchte die renommierte Juilliard School in New York. Anschließend machte sich Orliński als Interpret von Georg Friedrich Händel einen Namen. Talent habe ihn dabei nicht weit gebracht, erzählte der Opern- und Konzertsänger einmal. Vielmehr habe er sich mit viel Ehrgeiz und ständigem Einsatz verbessert. Anfangs sei er ein eher schlechter Sänger gewesen, sagt er.



Countertenor Orliński und Pianist Biel bei einem Konzert in Krakau. Foto: Jakub Jósef Orliński / Honorata Karapuda / Verwendung gestattet

Heute füllt die Stimme des Künstlers scheinbar mühelos einen ganzen Konzertsaal. Orliński hat die polnischen Stücke, die eigentlich nicht für Countertenöre komponiert wurden, für seine Stimmlage umschreiben lassen – und bringt sie nun auf die Bühnen Europas. So das Lied „Nie plącz nade mną” des Komponisten Mieczysław Karłowicz. In der Berliner Philharmonie klingt es sehnsüchtig und voller Schmerz durch den Raum. „Nie plącz nade mną, królewno ma złota, chociaż me piersi przygniata tęsknota“, singt Orliński: „Weine nicht um mich, meine goldene Prinzessin, auch wenn mein Herz wund ist vor Sehnsucht.“

Anstrengung, Hoffnung, Traurigkeit und Liebe sind die bestimmenden Themen in Karlowiczs spätromantischen Werken. Entstanden sind sie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, bevor Polen im Jahr 1918 unabhängig wurde. Zu dieser Zeit war das Land zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und Russland aufgeteilt. Orliński schafft es, die von Karłowicz vertonten Emotionen in seiner ganz eigenen Interpretation der Stücke zu transportieren. Die Ergebnisse sind emotional und berührend.

„Es war eine etwas riskante Idee“

Auf der kleinen Bühne des Konzertsaals wirkt der Countertenor offen und ausgelassen. Zwischen den Stücken spricht Orliński die Zuhörenden direkt an, erklärt seine Musik, sagt ein paar Sätze auf Deutsch. Zum Beginn eines Stücks springt er einmal von einem Fuß auf den anderen und wirft seinen Körper in die erste Note. An manchen Stellen lässt Orlinski seine Stimme langsam anschwellen und lauter werden, bis sie durch den Raum dröhnt. Andere Passagen wiederum sind leise, verspielt. Mit den polnischen Kunstliedern wage er ein „Experiment“, sagt Orliński: Er wolle schauen, wie das Publikum reagiert. In Berlin scheinen die Stücke anzukommen.

„Es war eine etwas riskante Idee, nur polnische Musik aufzunehmen und damit auf Tournee zu gehen“, erklärt Orliński gegenüber treffpunkteuropa.de. Er sei glücklich, wie sein Publikum die Kunstlieder aufnehme. „Es ist absolut unglaublich zu sehen, wie die Menschen auf das polnische Material reagieren, wie neugierig, aufmerksam und bewegt sie von etwas sind, das sie nicht wirklich kennen und verstehen“ Es freue ihn, wenn er höre, dass die Zuhörenden nach seinen Konzerten nach Hause gehen und die polnischen Komponisten nachschlagen, die er ihnen zusammen mit Michał Biel vorgestellt habe. „Es erfüllt mich, etwas zu fördern, das wir für einen sehr wertvollen Teil unserer Kultur halten“, schreibt Orliński.

Ein Ganzes nur mit Michał Biel

Aus den Feuilletons gibt es für die Auftritte des 31-Jährigen viel Lob. Mit seinem Programm – einer Kombination aus klassischen Barockwerken und den neu interpretierten polnischen Stücken – tourt der Countertenor gerade durch Europa. Vor seinem Konzert in der Berliner Philharmonie war Orliński in Amsterdam, Paris und Münster, es folgen Auftritte in Warschau, Straßburg und Istanbul. Ein Ganzes ergibt sich dabei nur mit dem Pianisten Michał Biel. Beide Künstler arbeiten seit Jahren künstlerisch zusammen und kennen sich gut. Biels Klavierbegleitung trägt Orlińskis Stimme durch den Abend.

Die Konzertsäle füllt dabei ein auffällig junges Publikum. Das könnte auch an der Online-Präsenz des Sängers liegen. Ein Video von einem Auftritt in Aix-en-Provence im Sommer 2017 hat auf YouTube 8,8 Millionen Klicks. Darin singt der Countertenor Vivaldis „Vedrò con mio diletto“ – in Freizeithemd, Shorts und Sportschuhen, der Pianist spielt in Flip-Flops. Auch auf Instagram spricht der Künstler ein junges Publikum an und teilt regelmäßig seine Eindrücke von den Reisen durch Europa.

In der Berliner Philharmonie schwingt sich Orliński bei Zugabe Nummer Drei mit einem Flick-Flack über das Parkett. Vor seiner musikalischen Karriere war er als Breakdancer aktiv – einige Bewegungen sind offenbar noch eingeübt. Nach dem knapp zweistündigen Konzert sind viele im Publikum aufgestanden, der Applaus dauert Minuten an.

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