„Vernünftig wählen“

Der Brief an Europa: Die Holocaustüberlebende Gertrude

, von  Jonas Botta

„Vernünftig wählen“
Video-Statement von Gertrude, Screenshot/Facebook

Am heutigen Sonntag findet der nun mehr dritte Anlauf zur Wahl des österreichischen Bundespräsidenten statt. Erneut haben es die österreichischen Wählerinnen und Wähler in der Hand, ob der Rechtspopulist Norbert Hofer oder der Grüne Alexander Van der Bellen ihr nächstes Staatsoberhaupt wird. Einer der wohl ergreifendsten Momente in diesem monatelangen Wahlkampf war der Appell der 89-Jährigen Wienerin Gertrude an ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Liebe Gertrude,

wie sicher viele andere auch haben mich Deine Worte an die österreichischen Wählerinnen und Wähler sehr bewegt. Denn Deine Warnung vor dem Erstarken des Hasses und der Ausgrenzung ist leider universell und richtet sich an alle Menschen. Gerade als Deutscher wiegen Deine Worte schwer und sie machen einem deutlich, wie wichtig es ist, sich unserer Vergangenheit und den damit verbundenen Schrecken bewusst zu sein. Denn auch, wenn wir noch bis vor kurzem unsere europäischen Demokratien für unfehlbar oder zumindest für stark genug hielten, um Populismus und Menschenfeindlichkeit zu widerstehen, zeigt uns das Jahr 2016 mit einer enormen Brutalität, dass dem nicht so ist. Alles ist möglich. Dass Norbert Hofer Bundespräsident wird, ist leider eines der wahrscheinlichsten Szenarien in diesen Zeiten. Dass die französische Rechtsradikale Marine Le Pen vom Front National im kommenden Jahr zumindest in die Stichwahl um das Amt des französischen Präsidenten kommt, leider auch.

Die europäische Einheit hat uns Frieden gebracht

Viele aus meiner Generation haben vergessen, dass die europäische Einheit einmal vor allem für eines stand – den Frieden in Europa. Was jahrzehntelang zumindest in Westeuropa für immer der Vergangenheit anzugehören schien, wird jetzt wieder von der politischen Rechten in ganz Europa heraufbeschworen. Von der Gefahr eines Bürgerkriegs in Österreich spricht der Parteikollege Hofers Heinz-Christian Strache nicht ohne Grund. Es ist sein Anliegen, die Gesellschaft zu spalten und Angst und Misstrauen zu sähen. Doch Du, liebe Gertrude, hältst uns vor Augen, was du selbst als Kind in den blutigen Februarkämpfen von 1934 und den Schrecken der NS-Zeit mitansehen musstest.

Niemand verteidigt unsere Werte, außer wir selbst

Es war dieser Ausspruch von Strache, der dich dazu bewegt hat, in die Öffentlichkeit zu gehen und deine Meinung zu sagen. Und genau das forderst du auch zurecht von meiner Generation: Die eigene Meinung nach außen zu tragen, wählen zu gehen und sich nicht auf der Kritik am eigenen Küchentisch auszuruhen. Denn unsere politischen Werte von Freiheit und insbesondere auch von der Gleichheit aller Menschen müssen wieder verteidigt werden.

Es liegt an uns, in welchem Europa wir morgen leben werden

Wichtiger denn je ist es dafür, die europäische Idee neu zu beleben, um auch den uns nachfolgenden Generationen ein Europa des Friedens und insbesondere auch des gesellschaftlichen Friedens bewahren zu können. Später wird keiner sagen können, er hätte es nicht gewusst. Er hätte die brennenden Asylbewerberunterkünfte nicht gesehen, die Parolen der rechten Parteien überhört oder die Angriffe auf gesellschaftliche Minderheiten nicht wahrgenommen. Es liegt in unserer Verantwortung, in was für einer Welt wir leben. Deswegen sollten wir uns Deine Worte Gertrude nicht nur zu Herzen nehmen, sondern endlich nach ihnen handeln. Dies ist unsere Pflicht als mündige Demokratinnen und Demokraten – als Europäerinnen und Europäer. Deswegen heißt es heute ganz nach Deinen Worten, „vernünftig wählen“.

Bleib gesund und zuversichtlich,

Dein Jonas

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