Warum ein junger Europäer Bürgermeister werden will

, von  Gesine Weber

Warum ein junger Europäer Bürgermeister werden will
Steffen Haake: „Kommunalpolitik ist immer Europapolitik“ Foto: Steffen Haake/ treffpunkteuropa.de zur Verfügung gestellt

Steffen ist 25, hat in Paris, Berlin und Groningen studiert – und bewirbt sich als Bürgermeisterkandidat der ostfriesischen Stadt Aurich. Was treibt ihn an?

Schmale Gassen, verklinkerte Häuser, einige Möwen, das Meer knappe zehn Kilometer entfernt – man meint das Salz in der Luft fast zu riechen. Überall in Auerk, wie die Einheimischen die ostfriesische Stadt Aurich in ihrem immerzu entspannt klingenden Plattdeutsch aussprechen, sieht man Norddeutschland, Ostfriesland wie im Bilderbuch. Und trotz – oder vielleicht gerade wegen – dieses ostfriesischen Flairs ist Europa hier überall. Das verrät nicht nur der Blick auf die Karte, der Aurich eine knappe Autostunde von der nächsten niederländischen Stadt lokalisiert – sondern auch Steffen Haake, der hier mit 25 Jahren im nächsten Jahr zum Bürgermeister gewählt werden möchte.

Steffen hat in Paris, Berlin und Groningen Politikwissenschaft mit europäischem Fokus studiert, hat mehrere europäische Sprachen gelernt, im Sommer fuhr er mit seinem Van von Aurich über Paris nach Spanien zu einem Europacamp. Er ist überzeugter Europäer – und mindestens genauso überzeugter Auricher. Als sich abzeichnete, dass für die Bürgermeisterwahl im kommenden Jahr, welche am selben Tag wie die Europawahlen stattfinden, nur der parteilose Erste Stadtrat von außerhalb antreten würde, war für Steffen klar: Aurich braucht frischen Wind. Steffen selbst ist in Aurich aufgewachsen, seit vielen Jahren politisch hier aktiv, seit 2016 im Stadtrat und in diversen Ausschüssen. Als SPD-Mitglied treibt ihn um, dass die Volksparteien keine eigenen Kandidaten nominieren wollen: „Es muss der Anspruch der SPD sein, den Bürgermeister zu stellen - auch wenn man als Politiker*in immer in erster Linie Auricher ist. Gute Kommunalpolitik rührt einfach daher, dass man vor Ort ist, viel Kontakt hat, als junger Mensch etwas tut. Das sollten natürlich alle Parteien unterstützen.“ Aus diesem Grund bewirbt sich Steffen derzeit um die Unterstützung der SPD, denn die braucht er, um bei der Wahl im kommenden Jahr Erfolg haben zu können.

Friesische Demokratie über Grenzen hinweg denken

Ich treffe Steffen vor Kurzem in einem Berliner Café. Erst gestern ist er mit dem Van aus Aurich zurückgekommen, um seiner ehemaligen Studienstadt nur für wenige Tage einen Besuch abzustatten. Ich will erfahren, was ausgerechnet Aurich, die Stadt mit 41.931 Einwohner*innen im nördlichen Niedersachsen, so europäisch macht. Steffen ist Experte, kennt jedes Detail der europäischen Geschichte Ostfrieslands. „Wir sind historisch gesehen keine Deutschen, sondern Ostfries*innen, das ist eine transnationale Minderheitenkultur“, erklärt Steffen. In der Tat gibt es Fries*innen auch in den Niederlanden und Dänemark, und schon im 15. Jahrhundert verfügten ihre Vorfahren über demokratische Strukturen: Am sogenannten „Upstalsboom“, dem mittelalterlichen Versammlungsort, trafen sich die Friesenhäuptlinge – an dem Ort, wo heute Aurich liegt. Daran erinnert unter anderem die Ostfriesische Landschaft, das Auricher Kulturparlament. Als im März 1957 die Römischen Verträge die Europäischen Gemeinschaften gründeten, verabschiedete die friesische Minderheit im selben Jahr die sogenannte Upstalsboomer Erklärung – ein Bekenntnis zur europäischen Integration ohnegleichen. Bis heute hat sich die grenzüberschreitende Kooperation bewährt, vor allem mit Partnern in den Niederlanden. Damit sei Aurich ein hervorragendes Beispiel für grenzüberschreitende Kooperation, wie sie in einem Europa der Regionen unverzichtbar sei, erklärt Steffen.

Europa ist Kommunalpolitik – und umgekehrt

Wenn Steffen über Aurich redet, über Kommunalpolitik und Europa, sprudelt er regelrecht vor Begeisterung. Das Gespräch mit ihm zeigt auch: Steffen hat Ahnung von dem, wovon er spricht. Er kennt gefühlt jeden Fond, Finanzquellen auf europäischer Ebene, Förderprogramme für grenzübergreifende Programme, europäische Maßnahmen, die wie auf Aurich zugeschnitten wirken. Als Beispiel nennt er die europäische Flüchtlingspolitik und erklärt, wie die kommunale Ebene zu Integration beitragen kann: „Für eine ländliche Stadt ist Aurich sehr kosmopolitisch, natürlich auch wegen der Nähe zum Meer. Aurich ist in der Flüchtlingspolitik auch engagierter als andere Städte vergleichbarer Größe – und das will ich vernünftig aufgreifen.“ Steffen findet es wichtig, Probleme „von unten“ anzugehen, Menschen dort zu integrieren, wo sie ankommen. „Man muss Integration einfach vernünftig angehen – vor Ort, mit den Menschen die kommen und denen, die dort leben. Aurich sollte ein sicherer Hafen sein, und dazu könnten wir zum Beispiel zu einer Solidarity City werden.“ Dieses Konzept wurde ebenfalls auf kommunaler Ebene entwickelt, nämlich vom Athener Bürgermeister. Im Rahmen eines europaweiten Netzwerks tauschen sich Städte zu ihren Erfahrungen in der Flüchtlingspolitik aus, teilen Erfolge, unterstützen sich gegenseitig. Doch europäische Zusammenarbeit dürfe sich nicht nur auf ein Politikfeld beschränken: „Kommunalpolitik ist immer Europapolitik. Deshalb ist es unverzichtbar, dass Kommunalpolitiker*innen Europa verstehen“, erklärt Steffen. Aurich ist allerdings nicht nur von den Vorteilen der europäischen Integration und der grenzüberschreitenden Kooperation betroffen. In der Vergangenheit hatte die Stadt Probleme mit Steuerflucht und der Gründung von Untergesellschaften im Ausland, was sich negativ auf die Stadtfinanzen auswirkte. Aurich kennt die Schattenseiten des europäischen Binnenmarkts, und umso wichtiger findet es Steffen, dass ein*e neue*r Bürgermeister*in Europakompetenz mitbringt.

Eine neue Generation für die Kommunalpolitik

Bei all der grenzüberschreitenden Kooperation betont Steffen aber auch, wie wichtig es für ihn sei, die täglichen Probleme der Menschen vor Ort in Aurich im Auge zu behalten: „Als Bürgermeister musst du Visionen haben – aber das heißt nicht, dass du die tägliche Arbeit, die Verwaltungsarbeit, vergessen darfst. Die Menschen wählen dich, damit du Sachen anpackst und dich zum Beispiel um den Bau von Straßen oder die Renovierung von Schulen kümmerst.“ Diese Arbeit kennt Steffen bereits: Er ist stellvertretender Vorsitzender im Finanz-, Haushalts- und Feuerwehrausschuss, außerdem Mitglied im Verkehrs-, Energie- und Umweltausschuss, Aufsichtsrat einer stadteigenen Gesellschaft. Mit 25 Jahren hat Steffen damit bereits mehr Verwaltungsexpertise als doppelt so alte Neulinge in der Kommunalpolitik.

Gleichzeitig steht Steffens Kandidatur in Aurich für eine neue Generation, die in die Kommunalpolitik drängt. Dieser Generation geht es darum, Politik zu erneuern – einschließlich der Parteien. „Oft greifen alte Konzepte einfach nicht mehr. Wir müssen auch Verwaltung und politische Prozesse neu denken, neue Wege gehen. Dazu kann beispielsweise eine Digitalisierung der Verwaltung zählen, in der Estland übrigens europaweiter Spitzenreiter ist“, erklärt Steffen.

Als junger Kommunalpolitiker bringt Steffen vieles mit, was der alten Garde fehlt. Er kennt die Chancen für grenzüberschreitende Politik, fürs Lernen von anderen europäischen Vorbildern. Ich bin tief beeindruckt davon, wie Steffen seine Begeisterung für Europa mit Kommunalpolitik verbindet – aber auch von seiner Entschlossenheit, etwas in einer Stadt, die vor großen Herausforderungen wie etwa einer Zwangsverwaltung der Kommunalaufsicht aufgrund der Haushaltssperre steht, zum Besseren zu wenden. Nach unserem anderthalbstündigen Gespräch zückt er den Schlüssel zum Van: „Jetzt geht’s wieder nach Aurich, da gehör ich hin. Denn einfach nur durch Rumsitzen hat ja noch niemand was erreicht.“

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