Warum Sprache mehr ist als Wörter

, von  Gesine Weber

Warum Sprache mehr ist als Wörter

Eine gemeinsame europäische Verkehrssprache ist gut - aber nicht genug, um der kulturellen Vielfalt in der EU gerecht zu werden. Nur durch konsequente Mehrsprachigkeit können wir Grenzen für das gegenseitige Verständnis aufbrechen und interkulturelle Kompetenz schaffen, meint Gesine Weber. Ist eine gemeinsame Verkehrssprache nicht genug oder behindert sie gar kulturelle Vielfalt?

Fernweh. Leitmotiv. Schadenfreude – diese Begriffe haben nicht nur gemeinsam, dass sie aus zwei Wörtern zusammengesetzt sind, sondern auch, dass es im Englischen keine wirklich akkurate Übersetzung für sie gibt. Sucht man sie im Wörterbuch, findet man entweder eine etwas umständliche Übersetzung - so wird etwa „Schadenfreude“ mit „malicious joy“ übersetzt - oder einfach ein und dasselbe deutsche Wort, einzig ohne Großbuchstaben am Anfang. Was bei Fernweh, Leitmotiv und Schadenfreude noch funktioniert, stößt bei anderen Wörtern an seine Grenzen: Kaum eine Sprache findet ein akkurates Pendant für den Begriff „Heimat“, und französische Muttersprachler*innen und Sprachlernende sind sich einig, dass es kein Wort gibt, das komplexe Sachverhalte so gut umschreibt wie der Ausdruck „enjeu“. Oft sind es diese Eigenheiten, die Nicht-Muttersprachler*innen beim Erlernen einer Sprache entweder in den Wahnsinn treiben oder begeistern; sie machen Sprachen besonders und lassen uns nicht nur viel über die Sprache als System verstehen, sondern auch über die Denkweise der Menschen, die sie sprechen.

Mehrsprachigkeit oder Lingua Franca?

Sprachenpolitik und Mehrsprachigkeit haben in der EU schon immer zu hitzigen Debatten geführt. Aktuell hat die EU 24 Amtssprachen, damit Menschen aller Muttersprachen Zugang zur Politik in Brüssel haben; damit das funktioniert, arbeiten in Brüssel rund um die Uhr 4.000 Übersetzer*innen und Dolmetscher*innen. Sie übersetzen Gesetze und Pressemitteilungen und dolmetschen bei Verhandlungen oder Sitzungen des EU-Parlaments simultan, und sorgen dafür, dass Brüssel nicht Babel wird. Während die einen diese Regelung als gelebte Mehrsprachigkeit feiern, verteufeln die anderen die EU als Monstrum der Sprachenbürokratie und fordern eine einzige einheitliche Verkehrssprache (Lingua Franca), meist Englisch oder Esperanto. Die Argumente dafür sind stark: Beide Sprachen gelten als relativ leicht erlernbar, ihre Grammatik und Vokabular als eingängig und wenig komplex. Dass gerade Englisch im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein sollte, liegt auf der Hand: Wenn auch nur knapp vor Chinesisch ist Englisch die Sprache mit den meisten Sprecher*innen weltweit, für den Zugang zu Informationen ist Englisch unverzichtbar, und gerade für Sprecher*innen kleinerer Sprachen, in die Filme oder Bücher nicht übersetzt werden, oftmals die zentrale Zugangsmöglichkeit zu Kultur. Warum einigen wir uns also nicht einfach darauf, dass wir alle sehr gutes Englisch sprechen sollten, damit wir im Zweifel nach dem Weg fragen können, Bewertungen auf Restaurantportalen schreiben und verstehen können, und Verhandlungen mit Geschäftspartner*innen auf Englisch führen können - warum führen wir diese Debatte, ob wir andere Sprachen überhaupt brauchen?

Englisch ist keine Universallösung

Englisch als eine gemeinsam genutzte Verkehrssprache ist eine gute Idee ist, keine Frage. Auch wenn nach dem britischen EU-Austritt nur noch in zwei EU-Mitgliedstaaten, Irland und Malta, Englisch die Amtssprache ist, hat Englisch als Sprache in der EU zwei große Vorteile: Im Vergleich zu anderen europäischen Sprachen ist es eher leicht zu lernen, und in keiner anderen Sprache ist die Zahl der Menschen in der EU, die sie bereits auf sehr gutem Niveau sprechen, so hoch wie bei Englisch.

Allerdings zeigen die Statistiken auch, dass fließendes Englisch vor allem in den Staaten verbreitet ist, in denen Menschen eine germanische Sprache als Muttersprache sprechen, beispielsweise in den Niederlanden, in Schweden oder Deutschland. Für Muttersprachler*innen anderer Sprachen wie beispielsweise romanischer Sprachen ist Englisch auch trotz der verhältnismäßig einfachen Grammatik deutlich schwieriger zu lernen. Die Sprecher*innen romanischer Sprachen wie Französisch oder Italienisch hätten sicher gegen Spanisch als Lingua Franca, das ebenfalls als eher leicht zu erlernen gilt, nichts einzuwenden.

Englisch als einzige und universelle Lösung für die Grenzen, die in Europa teilweise durch Sprachbarrieren entstehen, anzubieten, ist allerdings zu einfach. Sprache ist eins der wichtigsten Mittel zur Übermittlung von Kultur; in Büchern, Filmen, Musik und Serien spiegelt Sprache Weltsichten, Werte und Lebensweisen wieder. Da ein Großteil der englischsprachigen Filme und Serien aus den USA kommt, birgt Englisch als europäische Verkehrssprache das Risiko, dass die US-amerikanische Kultur in Europa zumindest teilweise unkritisch übernommen wird. Obwohl Netflix und Co. inzwischen einige europäische und nicht-englischsprachige Produktionen im Angebot haben, könnte Englisch diesem Trend entgegenwirken: Die Serie auf Italienisch oder Polnisch würde europaweit zum Exotenprodukt, und vielleicht wüssten wir mehr über den American Way of Life als über das französische Savoir Vivre. Das wäre nicht nur eine Einschränkung unseres eigenen kulturellen Horizonts, aber vor allem eine Einschränkung unseres Verständnisses füreinander.

Sprachen transportieren Konzepte, die kulturell gewachsen sind und die in manchen Sprachen existieren oder eben nicht. Natürlich können deutsche Beamt*innen mit ihren französischen Kolleg*innen auf Englisch verhandeln und über die Zukunft der Europäischen Union nachdenken; und doch werden unabhängig von ihrem Sprachniveau Konzepte und Nuancen verlieren gehen, die einen nicht unwichtigen Teil von Kommunikation ausmachen, nämlich interkulturelles Verständnis. Hier geht es nicht mehr um Wörter, sondern um den Kontext, in dem sie verwendet werden, um das, was ein*e Sprecher*in zwischen den Zeilen sagen will. Sprache ist mehr als Wörter, aber das erkennen wir nur an, wenn wir Mehrsprachigkeit konsequent fördern.

Kein „Entweder Oder“ - Europa braucht das sprachliche Komplettpaket

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat 2017 in seiner Sorbonne-Rede angekündigt, dass er sich wünscht, dass jede*r Student*in in Europa mindestens zwei europäische Sprachen spricht. Diejenigen, die den Französischunterricht in der Schule immer als Belastung und nicht als Bereicherung empfunden haben, rollen spätestens jetzt mit den Augen. Provokativ: „Was bringt es mir, wenn ich Französisch kann, aber es ohnehin nur im Urlaub nutzen würde, und da können Leute dann ja mit mir Englisch reden?“ Man solle statt Fremdsprachen doch besser mehr Physik oder Biologie unterrichten, so das Argument. Ich will diesen Fächern ihre Relevanz nicht absprechen, ganz im Gegenteil - aber wer wie oben argumentiert, der muss sich auch die Gegenfrage gefallen lassen, was es jemandem bringt, über Wochen die Mendel’schen Vererbungsregeln an Meerschweinchen zu lernen, wenn er*sie nicht gerade in die Meerschweinchenzucht einsteigen will und es ihm*ihr bei der Partner*innenwahl nicht primär um potentiell rote Haare hypothetischer Kinder geht.

Doch an dieser Stelle soll es nicht um Lehrpläne in Schulen gehen, sondern darum, wie wir in einem Europa ohne Grenzen leben wollen. Immer mehr Menschen leben oder arbeiten in einem anderem Mitgliedstaat als in dem, dessen Staatsbürgerschaft sie haben, der Binnenmarkt erlaubt freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen. In diesem Kontext kann eine gemeinsame Verkehrssprache dazu beitragen, die ganz offensichtlichen Sprachbarrieren zu beseitigen. Aber das als ausreichend für die europäische Verständigung zu betrachten, wäre ein schändlicher Fehler und ein Schlag ins Gesicht für die kulturelle Vielfalt Europas. Sprach-und Kulturwissenschaftler*innen betonen immer wieder,dass kulturelles Verständnis ohne Kenntnis der darunter liegenden Sprachen kaum möglich ist. Wenn wir 23 Sprachen vernachlässigen und nur eine einzige fördern, bedeutet das in der Folge, dass wir vielleicht verstehen, was wir sagen, aber nicht mehr, was wir meinen: An die Stelle einer sprachlichen Grenze tritt eine kulturelle. Wenn wir die Idee eines grenzenlosen und geeinigten Europas leben wollen und Menschen jeder sozialen Herkunft davon profitieren sehen wollen, müssen wir aber hier ansetzen. Gegenseitiges politisches und wirtschaftliches Verständnis erfordert kulturelles Verständnis. Die Schlüssel dazu im multikulturellen Europa kann nur konsequente Mehrsprachigkeit heißen.

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