Was Europa fehlt ist gleichzeitig seine größte Stärke

, von  Théo Boucart, übersetzt von Laura Lubinski

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Was Europa fehlt ist gleichzeitig seine größte Stärke
Fotoquelle: Lola Salem für treffpunkteuropa.de

Vierte Konferenz der Gruppe geopolitischer Studien – Think Tank an der ENS (École Normale Supérieure) - zum Thema "Eine gewisse Vorstellung von Europa“

Zu Zeiten, in denen das Fortbestehen des europäischen Projekts zunehmend in Frage gestellt wird und die öffentliche Debatte um das Wiederaufleben von Nationalismen kreist, ist mehr denn je eine erweiterte Analyse der europäischen Konstruktion notwendig, um daraus die Grundlagen ihres Bestehens, ihre Widersprüche und schließlich auch die Schlüssel für ihr Überleben abzuleiten. So auch das Ziel der vierten „Master Class“, gehalten am 22. Mai an der École Normale Supérieure von dem Historiker Patrick Boucheron.

Nach der marxistischen Philosophie, der Psychoanalyse und der Ökonomie war nun auch die Geschichte Europas an der ENS zu Gast. Ein riesiges Gebiet, das es zu erkunden gilt, auf der Suche nach Orientierungspunkten, um die Gegenwart zu erklären und die derzeitige Lähmung des europäischen Projekts zu verstehen. Die historische Meistervorlesung wurde von Patrick Boucheron gehalten, einem auf das Mittelalter und die - vorzugsweise italienische - Renaissance spezialisierten Historiker. Er ist seit 2015 Direktor des wissenschaftlichen Beirats der Forschungseinrichtung École franҫaise de Rome und wurde im selben Jahr zum Professor am Collège de France auf den Lehrstuhl „Geschichte der Kräfteverhältnisse in Westeuropa im 8.-16. Jahrhundert“ berufen. Der Autor zahlreicher Bücher und Dokumentationen ist zugleich ein großer Gelehrter und ein scharfsinniger Verfasser populärwissenschaftlicher Beiträge.

„Monsieur Boucheron, was ist Ihre Vorstellung von Europa?“. Diese Eröffnungsfrage ließ Raum für eine tiefgreifende Reflexion des Historikers über den Titel des Konferenzzyklus“eine gewisse Vorstellung von Europa„.“Eine gewisse Vorstellung von Europa„, das war der Titel eines Vortrags von George Steiner, einem franko-amerikanischer Schriftsteller und Idealtypus eines europäischen Intellektuellen, in dem er eine gewisse Anzahl von charakteristischen Merkmalen einer europäischen Identität formulierte. Patrick Boucheron dagegen versteht diese“gewisse Vorstellung von Europa" vielmehr als Unsicherheit - Europa als unbestimmte Idee.

Die notwendige Konstruktion eines europäischen Gedächtnisses und historischen Bewusstseins

Patrick Boucheron beginnt seinen Vortrag mit einem aktuelleren Befund: Sind die europäischen Gesellschaften gar von einer „schleichenden Amnesie“ betroffen? Das europäische Projekt wurde auf dem Glaubensbekenntnis „nie wieder“ errichtet. Der Zweite Weltkrieg und seine Schrecken verpflichten uns dazu, die Erinnerung an diese Zeit und ihre Opfer zu pflegen. Doch der offensichtliche Zusammenhang zwischen der europäischen Konstruktion und der Friedenssicherung auf dem Kontinent tendiert dazu zu verschwinden. Die große Mehrheit der Bürger Europas und nicht zuletzt der politischen Entscheidungsträger von heute haben keinen Krieg erlebt und können das friedliche Erbe der Europäischen Union nicht in gleicher Weise nachempfinden. Auf welcher Grundlage könnte man den Mythos Europa wiederbeleben, um zu vermeiden, dass Europa „sich an nichts mehr erinnert“ (in den Worten des großen Kameruner Intellektuellen Achille Mbembe). Wie kann man dem europäischen Traum neuen Zauber verleihen? Das ist nicht nur eine scholastische Frage - sie hat reale Konsequenzen für den Verlauf der Geschichte.

Was, wenn das europäische Ideal im Sommer 2015 verschwunden ist?

Für Patrick Boucheron wäre es nicht verwunderlich, wenn in einigen Jahrzehnten Historiker das Ende Europas auf den Sommer 2015 datieren würden. Die dritte griechische Krise, der Höhepunkt der Flüchtlingskrise und die Beschränkungen für den Schengen-Raum haben dem europäischen Ideal einen schweren Schlag versetzt. Die Europäische Union hat keinen Kurs, sie bewegt sich in einer permanenten Dynamik der Unsicherheit. All dies kontrastiert auf grausame Weise mit der naiven Schönheit von George Steiner’s Beschreibung der europäischen Identität und seiner „Landkarte von Kaffeehäusern“ als unverwechselbarem Zeichen eines europäischen Bewusstseins. Wie kann das europäische Projekt wiederbelebt werden, wenn die letzten Jahre doch gezeigt haben, dass ein europäisches Bewusstsein in schwierigen Zeiten nicht vorhanden ist. Aus dem Heraufbeschwören der Flüchtlingskrise zieht der Historiker Parallelen mit Freuds „Schreckgespenst“: Zuwanderer seien „eine fremde Vertrautheit“: Man hat Angst vor ihnen, weil sie gleichzeitig Fremde und Vertraute sind: Europa hat immer wieder Einwanderungswellen erlebt, außerdem sind wir alle mehr oder weniger Kinder von Migranten. Aus historischer Perspektive würde sich also ein anderes Denken ableiten.

Europa, das sind die Städte. Und es ist in den Städten, wo Ideen am besten zirkulieren, sich anreichern und erneuern. So wurde in den 1930er Jahren in den Städten „das Bewusstsein für die Existenz einer europäischen Geschichte“ geboren. Noch viel früher, im Mittelalter, wurde ein erstes intellektuelles Bewusstsein von Europa über ein Netz von Abteien gebildet, die Wissen verbreiteten (was den berühmten und kürzlich verstorbenen Mediävisten Jacques Le Goff zu der Aussage veranlasste, Europa sei gut und gern im Mittelalter geboren). Wird die europäische Idee durch die Städte und ihre Netzwerke (die „urbanen Archipele“) gerettet? Patrick Boucheron hofft darauf, warnt jedoch vor einer technokratischen, nicht mit Leben gefüllten Vision von Netzwerken und Freizügigkeit - eine Falle, die es zu vermeiden gilt, um das europäische Projekt tatsächlich wiederzubeleben.

Wissen, dass man „den Anderen der Andere“ ist, um Identitäten zu relativieren

Das Studium und der Vergleich von Zivilisationen ist notwendigerweise asymmetrisch. Die Verwestlichung der Welt führt zwangsläufig dazu, andere Kulturen mit den Augen der Europäer zu erklären. "Was hat in China, Indien, Afrika dazu gefehlt, etwas Ähnliches wie Europa entstehen zu lassen?“, fragt man sich regelmäßig. Europa muss sich daran erinnern, dass es nicht immer das Monopol der Moderne innehatte. Als Spezialist für die Geschichte des 15. Jahrhunderts betont Patrick Boucheron, dass die weltweite Vorherrschaft Europas und die zunehmende Verwestlichung der Welt vor 1492 ein sehr unwahrscheinliches Szenario war. Der Islam war nur wenige Jahrzehnte zuvor eine brillante Zivilisation gewesen, das chinesische Reich kontrollierte ein riesiges Handelsnetz im Indischen Ozean - Kreuzungspunkte der Zivilisationen.

Es ist daher notwendig, „Europa zu provinzialisieren“, um den Titel von Dipesh Chakrabartys Buch aufzugreifen. Man muss die Geschichte Europas mit „nicht-westlichen“ Augen betrachten können. Warum nicht die Geschichte des europäischen Kontinents von einem arabischen Standpunkt aus lehren? Die Geschichte des Kolonialismus aus afrikanischer oder indischer Perspektive? Dies erscheint heute sehr unwahrscheinlich, denn wenn Europa auch an seiner Zukunft zweifelt, zweifelt es doch sehr viel weniger an seiner kulturellen Überlegenheit. Es wäre jedoch sehr interessant, diese „subalternen“ Standpunkte besser zu verstehen, damit sich Europa in die Geschichte der Welt hineinschreiben kann. Wir müssen aufhören, ganze Völker zu unterwerfen, indem wir ihre eigenen Geschichten aus europäischer Sicht erzählen.

Für Patrick Boucheron ist das, was Europa fehlt, gleichwohl seine größte Stärke: Unsicherheit. Europa weiß nicht genau, wohin es geht oder woher es kommt. Die EU ist weder eine Föderation noch eine Konföderation. Der Begriff „Union“ ist für jeden geeignet, weil niemand weiß, was es tatsächlich bedeutet. Wenn das europäische Projekt bis jetzt überlebt hat, dann weil es wusste, wie man unterschiedliche Visionen zu diesem Thema zusammenbringt. Europa steht jedoch am Scheideweg seiner Geschichte: Eine echte existenzielle Krise muss überwunden werden. Kann sich die Europäische Union ein unsicheres Projekt noch leisten? Oder kann sie im Gegenteil in eine neue Unsicherheit vorstoßen, in die einer Republik, die aufgrund eines Parteiensystems und demokratischer Partizipation naturgemäß instabil ist? In der Geschichte geht es auch um Erkundungen - die Zukunft wird zeigen, ob es Europa gelingt, seine Unsicherheit neu zu erfinden.

Patrick Boucheron schließt den Konferenzzyklus „Eine gewisse Idee von Europa“, ein Projekt der Gruppe geopolitischer Studien der ENS, deren Konferenzen live in mehreren europäischen Städten übertragen werden. Die vielfältigen vorgestellten, widerlegten und verteidigten Ideen regen zum Nachdenken über die Wurzeln des europäischen Projekts und über die Bedingungen seines Überlebens an. Alle Informationen zu diesem Konferenzzyklus finden Sie hier.

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