„Weil sie Frauen sind“ - Die dramatische Lage der Femizide in Österreich

, von  Benedikt Rössler

„Weil sie Frauen sind“ - Die dramatische Lage der Femizide in Österreich
Frauen protestieren in Berlin für die konsequente Umsetzung der Istanbul-Konvention durch die Bundesregierung. Flickr/Change.org/Lizenz

In Österreich häufen sich in letzter Zeit tödliche Gewalttaten gegen Frauen. Nachdem dieses Jahr bereits 15 Frauen ermordet wurden, wird in der öffentlichen Debatte vermehrt von einer Welle an „Femiziden“ gesprochen. Was es mit diesem Begriff auf sich hat und was der Unterschied zu anderen Gewalttaten ist, erklärt dieser Hintergrundartikel.

Österreich – Land der Femizide?

Österreich hat ein Femizid-Problem. Nachdem Anfang April eine 38-Jährige von ihrem Ehemann ermordet wurde, titelte die österreichische Tageszeitung Der Standard: ‚Femizide in Österreich: Schon wieder wurde eine Frau ermordet‘. Nach der Zählung der Zeitung war es der siebte Femizid in Österreich seit Beginn des Jahres. Einen Monat später, am 6. Mai, zählte der Standard bereits elf Femizide. Am Vortag der Meldung hatte ein Mann seine ehemalige Partnerin und deren Mutter erschossen. Als Reaktion auf diese und vorangegangene Gewalttaten kündigte die österreichische Bundesregierung ein Maßnahmenpaket an, das allerdings von der Opposition und Expert*innen als zu lasch und unterfinanziert kritisiert wird.

Österreich ist mittlerweile nach Daten von Eurostat das einzige europäische Land, in dem seit Jahren mehr Frauen als Männer ermordet werden. Und auch der direkte Vergleich der letzten Jahre sieht düster aus: Während 2014 19 Frauen ermordet wurden, hatte sich die Zahl 2019 mehr als verdoppelt. Mit dieser neuen Welle von Morden an Frauen findet auch der Begriff „Femizid“ Eingang in die öffentliche Berichterstattung. Bislang wurde das Wort, wenn es denn verwendet wurde, eher in Bezug auf Gewalttaten gegen Frauen in Lateinamerika gebraucht. Mittlerweile verwendet jedoch auch der österreichische Bundespräsident Van der Bellen den Begriff. Doch was bedeutet „Femizid“ eigentlich genau? Wo kommt der Begriff her und warum gibt es ihn? Und vor allem, was unterscheidet Femizide von anderen Gewalttaten?

„… weil sie Frauen sind“ – Was sind Femizide?

Der Begriff Femizid, vereinzelt auch Feminizid, ist angelehnt an das englische Wort für Mord „homicide“ und das lateinische Wort für Frau, „femina“. Er bedeutet vereinfacht zunächst einmal „Frauenmord“ und wurde bereits vereinzelt im frühen 19. Jahrhundert in England verwendet. Wissenschaftlich und politisch geprägt wurde Femizid jedoch erstmals von der US-amerikanischen Sozialwissenschaftlerin und Aktivistin Diana E. Russell, die 1976 das ‚Internationale Tribunal über Verbrechen gegen Frauen‘ ins Leben rief. Russell definierte den Begriff breit als ‚Tötung von Frauen durch Männer, weil sie Frauen sind‘ und verband mit diesem Begriff eine ausgesprochen politische Stoßrichtung: Der Femizid als Mord an Frauen sollte in den historischen Kontext der jahrhundertelangen, patriarchalen Unterdrückung von Frauen gestellt werden. Russell führt weiter aus, dass Femizide so alt seien wie das Patriarchat, also die Dominanz von Männern über Frauen in allen Lebensbereichen, und mit alltäglicher Benachteiligung von Frauen einhergehe. Sie bezeichnet den verbalen und körperlichen Sexismus gegen Frauen auch als Terrorismus, dessen fatalster und tragischster Auswuchs der Femizid sei, jedoch bei weitem nicht der einzige. Durch diese Perspektive auf eine diskriminierende und frauenverachtende Kultur kann der Blick dafür eröffnet werden, warum Femizide geschehen und wie sie bekämpft werden können. Der Aspekt, dass Femizide von der gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen und dem strukturellen Sexismus geprägt sind, spiegelt sich auch in der Definition der Vereinten Nationen wider. In Anlehnung an Russells politische Definition bezeichnet die „Wiener Deklaration“ von 2013 den Femizid als ‚die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres [sozial konstruierten] Geschlechts‘. Daran wird klar, dass es sich bei Femizid nicht einfach „nur“ um Mord handelt, sondern dass eine solche extreme Gewalttat auf einem breiten Fundament gesellschaftlicher Strukturen steht, die Frauen in beinahe allen Lebensbereichen unterdrücken. Femizid ist, salopp ausgedrückt, Mord gewordener struktureller Sexismus, weshalb der Begriff „Frauenmord“ eben zu kurz greift, und nun vermehrt von Femiziden gesprochen wird. Dass frauenverachtende Handlungsmuster untrennbar mit Femiziden verbunden sind, wird anhand eines Femizids in Wien deutlich: Der 42-Jährige, der im April 2021 seine 35-jährige Ex-Partnerin erschoss, hatte 2018 einer Grünen-Politikerin sexistische Hassnachrichten geschickt. Daran wird klar: Frauenverachtung und Sexismus sind das Fundament von Femiziden.

Der richtige Umgang

Dass in Medien oft von „Beziehungstaten“, „Trennungs“-, „Ehrenmorden“ oder „Familiendramen“ gesprochen wird, verhindert, dass Femizide als solche benannt werden und gegen das Problem vorgegangen werden kann. Der mediale Umgang ist, was schwere Verbrechen angeht, nie einfach. Allerdings kann ein bewusster oder unbewusster falscher Umgang mit Begriffen für Morde an Frauen dazu führen, dass Femiziden nicht der systemische, strukturelle Charakter zuerkannt wird, der sie auszeichnet. So wird der fatalste Auswuchs des gesellschaftlichen Sexismus in der öffentlichen Debatte zu einer tragischen Familienangelegenheit reduziert, die dann nicht mehr als Problem der Gesamtgesellschaft angesehen wird. Ähnlich gefährlich und wenig zielführend ist die – wissenschaftlich eindeutig widerlegte – rassistische und ausländerfeindliche Instrumentalisierung von Femiziden. Herbert Kickl, der damalige Innenminister der rechtsextremen FPÖ, versuchte das beispielsweise im Jahr 2018, indem er in einer Untersuchungskommission zu den Mordmotiven die Staatsbürgerschaft der Beschuldigten abfragen ließ. Auch die große FPÖ-nahe Zeitung Wochenblick verbreitet dieses rassistische Narrativ, indem sie den österreichischen Grünen derzeit vorwirft, das Konzept des Femizides erfunden zu haben, um vermeintlich gewalttätige „Zuwanderer“ zu decken. Solche rassistischen Verdrehungen lenken von den eigentlichen Problemen ab und schaffen vielmehr selbst ein gefährliches Gewaltpotenzial.

„Nicht eine weniger!“

Nachdem Diana Russell in den 1970er Jahren den Begriff Femizid geprägt hatte, wurde er zunehmend in der sozialwissenschaftlichen Forschung aufgegriffen. Besondere Aufmerksamkeit erlangten Femizide in den letzten Jahren jedoch vor allem über die „#niunamenos“-Bewegung in Südamerika. Der Kontinent gilt aus unterschiedlichen Gründen als Epizentrum von oft tödlicher Gewalt gegen als Frauen gelesene Personen. Nachdem 2015 in einer Kleinstadt im Norden Argentiniens die 14-jährige Chiara Páez von ihrem Freund ermordet wurde, gingen unter dem Hashtag, der übersetzt „Nicht eine weniger!“ bedeutet, Hunderttausende auf die Straße. Der gesellschaftliche Druck führte dazu, dass bis jetzt in 18 Ländern Lateinamerikas Femizid als eigener Straftatbestand oder als ein die Strafe verschärfender Umstand gilt.

In Deutschland und eben auch in Österreich ist Femizid nicht gesondert strafbar. In Deutschland ist der Femizid auch keines der sogenannten Mordmerkmale, wie etwa Habgier oder besondere Grausamkeit, die bei einer Verurteilung automatisch zu einer lebenslangen Haftstrafe führen. In Österreich wird generell keine Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag gemacht und auch hier wird das Geschlecht der getöteten Person nicht in Betracht gezogen.

Femizid hier und jetzt

Innerhalb der vier Wochen, in denen dieser Artikel entstanden ist, wurden in Österreich bereits vier weitere Frauen Opfer von Femiziden. Nach Zählung des Vereins der Autonomen Frauenhäuser Österreich wurden dieses Jahr somit bereits 15 Frauen ermordet. Im Land selbst und im deutschsprachigen Raum häufen sich zu Recht Zeitungstitel wie „Das Land der Frauenmörder“, „Das Land der toten Frauen“ oder „Frauenmorde als österreichischer Alltag“. Es kann also niemand bestreiten, dass das Problem Femizid nicht bekannt sei. Doch wie kann sinnvoll gegen Femizide vorgegangen werden?

In Österreich hat die Bundesregierung nach Forderungen von Opferschutz-Vereinen mehr als 24 Millionen Euro für Einrichtungen bereitgestellt, die sich für von Gewalt bedrohte Frauen engagieren. Die Verbände verlangen jedoch beinahe zehnmal so viel und zusätzlich eine grundlegende Reform des Präventionssystems, in dem aktuell mehr Betreuungsstunden für die Täter als für die Opfer finanziert werden. Um Femizide zu bekämpfen, greift Opferschutz allein jedoch zu kurz. Neben den Opferschutzeinrichtungen müssen, so die Weltgesundheitsorganisation, vor allem auch die Polizei und medizinische Einrichtungen darin geschult werden, drohende Gewalt gegen Frauen zu erkennen und sinnvoll zu unterbinden. Strengere und genauere Gesetze können auch helfen, Femizide zu verhindern.

Allerdings ist es auch damit nicht getan. Femizide sind eben nicht nur Einzelfälle, bei denen es nur um Täter und Opfer, sowie deren Bestrafung oder Betreuung geht. Es muss neben Gewaltprävention und juristischer Verfolgung auf der individuellen Ebene auch gesellschaftliche Aufklärung und Sensibilisierung erfolgen. Denn nur wenn struktureller Sexismus und systemische Frauenverachtung aus den Köpfen verdrängt werden, ist es möglich, dass Femizide nachhaltig beendet werden.

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