Wider den politischen Ernst?

, von  Nicola Krippl

Wider den politischen Ernst?
NDR-Journalist Abdollahi: Satire als Türöffner für die politische Auseinandersetzung Foto: re:publica/ Flickr / CC BY-SA 2.0 Lizenz

Die Generation der Unter-30-Jährigen entdeckt Politik über Satireformate im Netz neu für sich. Das ist gut, weil endlich wieder über Politik geredet wird - aber birgt gleichzeitig die Gefahr, die tatsächlich relevanten Debatten auszublenden. Ein Kommentar.

Ein TV-Duell findet statt, es ist Wahlkampf in Deutschland. Parallel dazu herrscht auf Twitter ein ganz anderer, aber doch verwandter Wettkampf: Unter Hashtags wie #tvduellbessermachen wetteifern die Internetaffinen unter 30 darum, wer den lustigsten Vorschlag macht, um die Fernsehsendung ansprechender zu gestalten. Die Ideen reichen von pantomimischen Darstellungen der KandidatInnen statt gesprochener Worte bis hin zur Einblendung unpassender Produktplatzierungen, die wenigstens etwas Humor in die Sache brächten.

Die Poetry Slammerin Sophie Passmann fordert derweil in einem schnell viral gehenden Video im Unboxing-Style à la Youtube-Beautybloggerin zur Briefwahl auf, NDR-Journalist Michel Abdollahi beschäftigt sich satirisch mit der mittlerweile wieder offen vorgebrachten Fremdenfeindlichkeit, stellt sich mit einem Plakat mit der Aufschrift „Kein Wahlrecht für Muslime“ in deutsche Fußgängerzonen und wartet ab was passiert. Leider erntet er damit genügend Zustimmung.

Regelmäßig werden amüsant platzierte Wahlplakate der Partei DIE PARTEI durch das Netz gereicht. Viele weitere Lacher zur aktuellen Politik liefern außerdem diverse Satireformate im Fernseher und auch der Autor Shahak Shapira konnte erst vor kurzem über die gelungene heimliche Übernahme einer Vielzahl von von AFD-AnhängerInnen bevölkerter Facebook-Gruppen öffentlich frohlocken.

Es wird also wieder über Politik geredet in Deutschland. Und das sogar online, im Internet, dem Reich der JungwählerInnen. Das ist prima. Denn es ist allerhöchste Zeit, dass dies geschieht - im Zeitalter des individuellen Rückzugs hinter die Bildschirme in die gewählte Abgeschiedenheit von gesamtgesellschaftlichen Problemen ist zu begrüßen, dass immer mehr junge Menschen über das Lachen und den politischen Witz wieder einen Zugang zur Tagespolitik finden. Das Wortungetüm der Politikverdrossenheit scheint ausgedient zu haben.

Und doch ist zu überlegen, ob diese neue Art der politischen Partizipation anzustreben ist, gleicht sie doch momentan einem passiven Konsumieren der Satire anderer. Wirklich relevante politische Inhalte bleiben zwischen Facebook-Feeds und dem hastigen Herzschlag der Twitter-Trends ungehört. Auch im Fernsehen scheint die Lage nicht besser, so leitete beispielsweise Moderatorin Maischberger im Rahmen des TV-Duells den Themenblock „Soziale Gerechtigkeit mit den Worten „Wir können’s auch schnell machen“ ein. Allein das schon eine Provokation der jungen Generation. Soziale Gerechtigkeit bedeutet auch Chancengerechtigkeit in der Bildung – betrifft also uns junge Menschen mehr denn je. Und wo ist die politische Debatte über eine Rentenreform? Seit ich politisch denken kann, frage ich mich, wie das mit dem Generationenvertrag und meiner Rente in ein paar Jahrzehnten denn bitteschön noch funktionieren soll. Wie werden wir Jungen eines Tages arbeiten? Wie lange? Wie digitalisiert ist dann unsere Arbeitswelt? Wie überwacht unsere Arbeit online? Und braucht es mehrere Jobs um sich eine Mietwohnung in der Stadt noch leisten zu können?

Vorstöße aus den Reihen der unter 30-Jährigen zu diesen Themen fehlen. Denn diese Thematiken sind nicht sexy, nicht lustig. Sie brauchen langfristige Planung, unbequeme Reformen und eignen sich nicht für virale Videos und ein schnelles Klickwunder.

Vor lauter Lachen über die Absurditäten des politischen Alltags sollten wir den politischen Ernst nicht aus den Augen verlieren. Böhmermann, Shapira und Co. machen keine Politik, sie kritisieren sie nur. Es ist an uns, nicht nur über den neusten Internethit zu sprechen, sondern uns für unsere Zukunft, sei es in Bildung oder Beruf, starkzumachen bei denen, die diese mitbestimmen – die aktuellen Politiker und Politikerinnen. Denn auch dafür sind Wahlen da, nicht nur als Gegenstand satirischer Formate.

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