Portugal und Mosambik: Im Gespräch mit dem Soziologen und Afrikawissenschaftler Elisio Macamo

Wie eine Theorie den Kolonialismus zu rechtfertigen versucht

, von  Lisa Bednarz

Wie eine Theorie den Kolonialismus zu rechtfertigen versucht
Straße in Maputo, der Hauptstadt Mosambiks. 39,6 Prozent der Bevölkerung sprechen heute Portugiesisch. Foto: Flickr / Cornelius Kilbelka / CC BY-SA 2.0

Bis in die 70er Jahre unterhielt Portugal Kolonien und stellte sich selbst gerne als „bessere Kolonialmacht“ dar. In der Realität war Portugals „Milde“ bestenfalls Einbildung, urteilt Elisio Macamo, Professor für Soziologie und African Studies an der Universität Basel, heute. Im Gespräch erzählt er, wie Portugal die eigene Vorherrschaft anhand einer Theorie zu rechtfertigen versuchte und wie die Unabhängigkeit der Kolonien und das Bekämpfen des portugiesischen Faschismus zusammenhingen.

Mosambikaner*innen wurden während der Vorherrschaft Portugals in zwei Kategorien klassifiziert, erzählt Elisio Macamo. Seit 2009 lebt er in Basel und leitet an der dortigen Universität das Zentrum für Afrikawissenschaften. Während der Vorherrschaft Portugals über Mosambik gab es die „Assimilierten Mosambikaner*innen“, berichtet er, die ähnliche Rechte wie die Portugies*innen hatten, jedoch ihre Identität als „Afrikaner*innen“ aufgeben mussten: „Um ein assimilierter Portugiese zu sein, musste man die eigene Identität aufgeben. Man musste ein Portugiese werden und die Bedingungen waren ziemlich streng. Assimilierte durften nur Portugiesisch, aber nicht ihre Muttersprache sprechen, sie sollten Christ*innen sein, das war ganz wichtig, und sie mussten auf bestimmte Praktiken verzichten - zum Beispiel darauf mehrere Frauen zu haben.“ Macamo ist während der portugiesischen Vorherrschaft in Mosambik aufgewachsen, sein Vater war selbst „Assimilierter“. Dadurch konnte Macamo zum Beispiel dieselbe Schule besuchen wie portugiesische Kinder.


„Einfach dieser Glaube, dass man es besser macht als die Engländer und die Franzosen, hat natürlich auch dazu geführt, dass die Portugiesen die Notwendigkeit der Unabhängigkeit nicht gesehen haben.“


Wer nicht zu den „Assimilierten“ zählte, galt als „Eingeborene*r“. Diese hatten nicht dieselben Rechte und waren keine anerkannten Bürger*innen Portugals. Heruntergespielt wurde die strukturelle Unterdrückung und Klassifizierung der Bürger*innen in den Kolonien mithilfe der Theorie des Lusotropikalismus. Nicht selten versuchten auch andere Kolonialmächte ihren Rassismus und ihr Unterdrücken auf scheinbar wissenschaftliche Art und Weise zu rechtfertigen.

Macamo erklärt den Lusotropikalismus als ein Konzept, dem zufolge die Portugies*innen einen „milden“ Kolonialstil unterhielten und „eben mehr darauf aus waren, den Kontakt mit anderen Kulturen zu suchen und sich dann auch einzuleben und Teil der anderen Kultur zu sein“. Portugal zeichnete sich dem Lusotropiaklismus zufolge dadurch aus, besonders „aufnahmefähig“, „offen“ und „anpassungsfähig“ zu sein. Das Interessante am Lusotropikalismus ist, dass die Theorie nicht aus Portugal selbst stammt, sondern aus Brasilien. Der Soziologe und Anthropologe Gilberto Freyre, der sich für die portugiesische Kultur im Ausland interessierte, entwickelte die Theorie – sehr zur Freude der Portugies*innen, die den Lusotropikalismus als Kompliment auffassten und sich in ihrem Recht bestätigt fühlten.

In der Realität war Portugals „Milde“ im Vergleich zu anderen Kolonialgroßmächten bestenfalls Einbildung, urteilt Macamo heute. Als Freyre die Theorie verfasste, hatte seine Heimat Brasilien bereits ihre Unabhängigkeit erlangt. Die noch bestehenden Kolonien litten dennoch unter der Theorie, da Portugal nicht länger die „Notwendigkeit zur Unabhängigkeit“ in den anderen Kolonien sah, so Macamo. Auch durch die ermöglichte Rechtfertigung unterhielt Portugal länger als die meisten anderen westeuropäischen Mächte Kolonien. In den 50er und 60er Jahren wurden die damaligen Kolonien Portugals dabei nicht mehr Kolonien genannt, sondern als Überseegebiete bezeichnet.


„Ob das im Einzelnen stimmt, ist eine andere Frage, eine wissenschaftliche Frage sogar, aber viele Menschen in Mosambik und Guinea-Bissau und Angola sind stolz darauf, dass sie eigentlich diejenigen waren, die den Faschismus in Portugal besiegt haben.“


Eine Besonderheit sieht Macamo jedoch in einem anderen Aspekt der portugiesischen Kolonialgeschichte: Die Revolution am 25. April 1974, die auch als Nelkenrevolution (Revolução dos Cravos) bezeichnet wird und die Diktatur Portugals beendete, sei in großen Teilen in Maputo, der Hauptstadt Mosambiks, vorbereitet und von dort aus gesteuert worden. Die Mosambikaner*innen, die Angolaner*innen und viele weitere seien noch heute stolz auf den Einfluss, den sie auf den Regimewechsel in Portugal hatten und darauf, dass sie „eigentlich diejenigen waren, die den Faschismus in Portugal besiegt haben."


„Es gibt eine jüngere, gebildete Generation in Portugal, die das alles in Frage stellt.“


Heute hat Portugal weiterhin eine schwierige Beziehung zu seinen ehemaligen Kolonien. Das liege einerseits daran, beschreibt Macamo, dass die Kolonialgeschichte als eine Erzählung vom „Entdecken fremder Länder“ erzählt werde. Die Geschichte von Vasco da Gamas zum Beispiel, einem der großen Entdecker und Seefahrer Portugals, wird weiterhin erzählt. Seine Ankunft in Mosambik wird als Entdeckung des „Landes der guten Menschen“ (terra de boa gente) bezeichnet. „Portugal hält fest an einer bestimmten Erzählung“, sagt Macamo. In den Kolonien kämen diese Geschichten nicht gut an, denn „niemand will in Angola und Mosambik hören, dass man entdeckt worden ist“. Andererseits könne Portugal wegen seiner finanziellen Lage nicht dieselbe Entwicklungszusammenarbeit stemmen wie zum Beispiel Großbritannien, Frankreich oder Deutschland es tun. Dafür sehe sich Portugal als eine Art „Sprachrohr [der Kolonien] in Europa“, was zu einem „Paternalismus den ehemaligen Kolonien gegenüber“ führe und diesen wiederum gar nicht zusage.

Erfreulicherweise ließe sich aber, resümiert Macamo, in der jüngeren Generation ein kritischer Wandel beobachten, der die koloniale Vergangenheit nicht weiter romantisiere. Für ihn sei dies in allen europäischen Ländern mit kolonialer Vergangenheit der einzige Punkt, in dem sich die Länder heutzutage ähneln: Überall müssten postkoloniale Strukturen abgebaut und auf strukturelle Diskriminierung aufmerksam gemacht werden.

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