Wie kann eine weißrussische Identität aussehen?

Belarus - das andere Herz Europas. Miniserie -Teil 1

, von  Théo Boucart, übersetzt von Annika Klein

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Wie kann eine weißrussische Identität aussehen?
© ermakov/ Flickr / CC 2.0-Lizenz

Weißrussland (auch Belarus genannt) liegt geographisch gesehen im Herzen eines Europas, das sich nach der „herkömmlichen“ Definition vom Atlantik bis zum Ural erstreckt. Auch wenn dies eine weitgehend künstliche und deterministische Darstellung der Geographie ist, hält sie sich doch hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Weißrussland befindet sich folglich am Schnittpunkt der Einflüsse zweier Kulturen, auf der einen Seite das sogenannte westliche Europa (einschließlich Polen und der baltischen Staaten) und auf der anderen Seite Russland. Doch wie hat sich die geographische Lage auf die Geschichte und die Identität dieser verkannten Nation ausgewirkt?

Aufgrund seiner jungen Geschichte als unabhängiger Staat misst Weißrussland der Definition seiner nationalen Identität zwischen russischen und orthodoxen Einflüssen einerseits, und polnischen und katholischen Einflüssen andererseits eine große Bedeutung bei. Geschichte und Identität werden dabei in den Händen derjenigen, die sie manipulieren wollen, zu Spielbällen und stellen folglich politische Herausforderungen dar.

Das Gebiet des heutigen Weißrusslands: eine Reise durch die Zeit

In den ersten Jahrhunderten unseres Zeitalters bis zur Mitte des Mittelalters standen das Gebiet des heutigen Weißrusslands und seine Bewohner, die Russinen (oder auch Ruthenen), weitgehend abseits der kulturellen Entwicklungen, die sich in den angrenzenden Regionen der Ostseeküste und der Flüsse Wolga und Dnepr vollzogen. Das Gebiet gehörte zwar zur Kiewer Rus, dem ersten russischen Staat der Geschichte, diese war jedoch eine recht lockere Verbindung mit wenig Einfluss auf die sozialen Strukturen der Völker, die in der Taiga lebten. Dadurch wurde die Entstehung des ersten slawischen Staates auf dem belarussischen Gebiet, des Fürstentums Polozk, begünstigt.

Das Fürstentum wurde anschließend im 13. Jahrhundert vom Großfürstentum Litauen, der ersten staatlichen Organisation mit wesentlichem Einfluss in der Region, annektiert. Auch wenn das sogenannte „ethnische“ Litauen, das der heutigen Republik Litauen entspricht, die Politik dominierte, war das Ruthenische, das unter anderem auch „Altweißrussisch“ genannt wird, die Sprache der Diplomatie. Für die Vorfahren der heutigen Weißrussen war dies eine bemerkenswerte Sternstunde, zumal das ruthenische Volk in politischer Hinsicht praktisch nicht existierte. Später wurde die „ruthenische Komponente“ zu einem der wichtigen Bestandteile von Polen-Litauen, auch wenn die Ruthener aus den südlichen Gebieten, die Vorfahren der Ukrainer, schon deutlich früher ihre kulturellen Besonderheiten betont hatten als ihre Verwandten aus dem Norden.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden die Gebiete der Ruthener nach und nach von dem Russischen Kaiserreich annektiert. Im Norden vollzog sich vor allem aufgrund des Fehlens eines Nationalbewusstseins (im Gegensatz zu den ukrainischen Kosaken) die Russifizierung der Gebiete ohne größere Schwierigkeiten. Das nationale Erwachen, das im 19. Jahrhundert die meisten Völker Mittel- und Osteuropas erreicht hatte, fand in Weißrussland nicht wirklich statt. Nach dem Zusammenbruch des Russischen Kaiserreichs im Jahr 1917 übernahmen die bolschewistischen Autoritäten rasch die Kontrolle über das weißrussische Gebiet. 1922 wurde die Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik Gründungsmitglieder der UdSSR, 1945 erhielt sie die östlichen Gebiete der Zweiten Polnischen Republik. In Folge des schrittweisen Zusammenbruchs der Sowjetunion erklärte die Weißrussische SSR am 25. August 1991 ihre Unabhängigkeit.

Der Prozess der Nationsbildung nach 1991

Unter Impulsgeber und erstem Präsidenten Stanislau Schuschkewitsch von der Partei „Belarussische Sozialdemokratische Hramada“ waren die ersten Jahre der Existenz des unabhängigen Weißrusslands von dem Bestreben nach einer Europäisierung der nationalen Identität gekennzeichnet [1]. Dafür stützten sich die sich an der Macht befindenden weißrussischen Nationalisten auf zwei fundamentale Elemente der Historiographie: die geographische Zugehörigkeit Weißrusslands zum Baltikum (mit Litauen, Lettland und Estland, die heute Mitglieder der Europäischen Union sind), aber vor allem das Erbe des Großfürstentums Litauen und Polen-Litauens. Letzteres ist in akademischen Kreisen auch als Modell einer „Adelsdemokratie“ bekannt, die von manchen als Urform eines Rechtsstaats angesehen wird. Aus mehreren Gründen (vor allem aber aufgrund des Fehlens einer „westlichen“ Staatstradition) konnte diese Art und Weise der Bildung einer europäischen Identität Weißrusslands keine Wurzeln schlagen [2].

Die Machtübernahme Alexander Lukaschenkos im Jahr 1994 veränderte die Lage drastisch. In einer Zeit, die von einer akuten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise geprägt war, zögerte der neue Präsident nicht, bei den Weißrussen die Wehmut nach der sozialistischen Lebensweise in der Sowjetunion zu verstärken, was angesichts der gesellschaftlichen Schwierigkeiten eine sehr wirksame Strategie war. Diese Orientierung nahm folglich pro-russische Züge an und hatte durch Sprache und administrative Praktiken eine Russifizierung der weißrussischen Kultur zur Folge. Gleichzeitig verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Weißrussland und der Europäischen Union. Seitdem schwanken weißrussische Identität und weißrussischer Nationalismus zwischen europäischen (d.h. westeuropäischen) und russischen Einflüssen, ohne dass diese je stabil wären oder von der weißrussischen Bevölkerung akzeptiert würden [3].

Die Zukunft nach „drei Tschernobyls“

Will man die Identität der Einwohner Weißrusslands verstehen, muss man im Rahmen der Analyse zunächst ihre relative Schwäche (verglichen mit den Nationalidentitäten der Litauer, Letten, Esten und Ukrainer) sowie den äußerst wichtigen Einfluss des sozialistischen und sowjetischen Erbes verstehen. Wie soll man sich die Zukunft dieser Identität in einer Zeit vorstellen, in der das von Alexander Lukaschenko geführte Land zwischen einer Annäherung an die EU und einer noch engeren Partnerschaft mit dem Russland Wladimir Putins zu zögern scheint? Angesichts der Tatsache, dass sich die weißrussische Identität zu einem großen Teil über ihr „Martyrologium“ und die Bedeutung von Tragödien im kollektiven Gedächtnis definiert, wird es noch schwieriger, sich diese Zukunft vorzustellen [4]. Die Massaker im Rahmen des Deutsch-Sowjetischen Krieges beziehungsweise des Großen Vaterländischen Krieges von 1941 bis 1945 stehen an dieser Stelle besonders hervor. Interessant ist auch das Konzept der „drei Tschernobyls“, das während Glasnost von Nationalisten gebraucht wurde, um das verhängnisvolle Erbe des Kommunismus in Weißrussland und seine Folgen für die Zukunft des Landes anzuprangern. Zum nuklearen Tschernobyl von 1986, bei dem Weißrussland die am stärksten von Verstrahlung betroffene SSR war, fügten die Nationalisten vor dem Hintergrund der Unterdrückung kultureller „bürgerlicher“ Traditionen der Weißrussen durch Stalin ein kulturelles Tschernobyl sowie angesichts des institutionellen und wirtschaftlichen Durcheinanders nach dem Zusammenbruch der UdSSR ein politisches Tschernobyl hinzu [5]. All diese negativen Ereignisse in den Erinnerungen der Menschen machen die Prognose einer optimistischen Zukunft nicht einfacher.

All diese widersprüchlichen Elemente, die die weißrussische Identität bilden, erhalten die Lage des Landes in einer Grauzone zwischen der Europäischen Union und Russland aufrecht. Um aber eine tragfähige Zukunft sicherzustellen, muss ein Land auf starken und ermutigenden kulturellen Traditionen beruhen, ohne dabei jedoch in einen nationalistischen Dogmatismus zu verfallen, wozu Lukaschenko seit fast 25 Jahren neigt. Seit 2004 ist Weißrussland direkter Nachbar der EU, wodurch letztere gezwungen ist, im allgemeinen Rahmen der Europäischen Nachbarschaftspolitik eine stabile Partnerschaft mit dem Land herzustellen. Hier stellt sich allerdings das gleiche Problem wie mit der nationalen Identität: Weißrussland gelingt es nicht, ein nachhaltiges Gleichgewicht zwischen „westlich“ und „russisch“ zu finden, was eine sehr instabile Beziehung zur EU zur Folge hat.

[4] Katiarijna Zhuk : L’Union Européenne et la Biélorussie : Quelle formule de voisinage ? in Élargissement et politique européenne de voisinage (Bruylant 2008)

[5] Tatiana Kasperski : La catastrophe de Tchernobyl : une entrée singulière pour la coopération entre l’Union Européenne et la Biélorussie in Élargissement et politique européenne de voisinage (Bruylant 2008)

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