Wofür müssen wir heute noch kämpfen?

, von  Anja Meunier

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Wofür müssen wir heute noch kämpfen?
Foto: Flickr / Ithmus / CC BY 2.0

In den letzten Jahren finden sich feministische Themen wieder verstärkt auf der politischen Agenda. Doch immer öfter wird auch die Frage gestellt, ob Frauen und Männer nicht inzwischen vollkommen gleichberechtigt seien. Die Antwort ist nein.

Als Tochter zweier feministischer Eltern, als Klassenbeste in Mathe, als erfolgreiche Besteigerin ungezählter Apfelbäume, als Alleinreisende in fernen Ländern und als Frau in den Naturwissenschaften könnte ich leicht auf die Idee kommen, dass ich den Feminismus nicht mehr benötige. Danke, ich hab schon. Ich darf wählen und gewählt werden, selbst über meinen Körper und mein Geld entscheiden, kann jeden Beruf ergreifen und bin gesetzlich vor Diskriminierung geschützt. Was will ich mehr?

Doch ein Blick über den eigenen Tellerrand, und ein zweiter in die eine oder andere Statistik sind heilsam. Unsere Welt, unser Land, unsere Gesellschaft ist voll von schreienden Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen, man muss nur hinsehen.

Frauen verdienen im Schnitt 21% weniger pro Stunde als Männer. Bereinigt um strukturelle Unterschiede wie Berufswahl, Bildungsstand und Berufserfahrung sind es noch 6%. „Nur 6%, das ist ja quasi kein Unterschied“ hört man in den Kommentarspalten, oder „Haben wir keine wichtigeren Probleme?“. Ich bitte die aufmerksamen Leser*innen, sich kurz auszurechnen, wieviel 6% des eigenen Jahresgehaltes in etwa sind, und wie viele Smartphones, Urlaube, Autos oder Quadratmeter Wohnfläche sich davon jedes Jahr bezahlen lassen. Ist es gerecht, dass eine Hälfte der Menschen all das einfach so oben drauf bekommt, als Bonus dafür, ein Mann zu sein?

Ich hatte kürzlich das „Vergnügen" mit einem Männerrechtler und Feminismusgegner zu sprechen. Ich durfte erfahren, dass sich der Gender Pay Gap ganz einfach logisch widerlegen lasse: Wenn Frauen für die gleiche Arbeit 6% weniger Lohn erhielten, würden alle Firmen nur noch Frauen einstellen. Da das nicht so ist, könnte die Lohnlücke nur Fiktion sein. Es ist unglaublich, dass ich es aussprechen muss, aber unsere Welt ist nicht logisch, auch wenn Wirtschaftswissenschaftler*innen gerne so tun als ob. Die Tatsache, dass Frauen als weniger kompetent eingeschätzt werden als Männer, obwohl es nicht stimmt, ist ja genau das Problem.

„Repräsentation ist wichtig. Wenn wir sehen, wie eine bestimmte Arbeit immer nur von einer gewissen Art von Personen ausgeübt wird, fangen wir an zu denken, dass nur diese Art von Personen diese Arbeit erledigen kann. Das ist natürlich falsch.“

Chimamanda Ngozi Adichie, Autorin („Die Hälfte der Sonne“)

Denn heute geht es im Kampf um Gleichberechtigung weniger um Ungleichheit vor dem Gesetz, als um das Frauenbild der Gesellschaft. Obwohl wir vor dem Gesetz gleich sind, sind wir es in den Augen unserer Mitmenschen nicht. In einer Studie von 2017 stimmten 14 Prozent der befragten Deutschen der Aussage zu, dass Frauen nicht danach streben sollten, etwas außerhalb des Haushalts zu tun. 20 Prozent glauben, dass Männer fähiger als Frauen sind, wenn es ums Arbeiten, Geld verdienen, Bildung und Lehre geht. Nur 82 Prozent finden, Männer und Frauen sollten in allen Bereichen gleichberechtigt behandelt werden und dabei nach ihrer Kompetenz und nicht nach ihrem Geschlecht beurteilt werden. Zum Vergleich: In Schweden stimmen dieser Aussage 94 Prozent zu, 87 Prozent in der Türkei.

In unserer Gesellschaft gelten für Frauen und Männer in fast allen Lebensbereichen unterschiedliche Standards. Ein Metallarbeiter, der für höhere Löhne kämpft, setzt sich ein für das was ihm zusteht. Eine Erzieherin oder Hebamme, die ihre Arbeitsbedingungen anprangert, hat sich ja freiwillig für diesen Job entschieden und soll sich deshalb jetzt nicht beschweren. Ein Mann, der seine Kinder ins Bett bringt, hilft mit bei der Kindererziehung. Wem hilft er? Seiner Frau, deren Aufgabe das natürlich eigentlich wäre. Ein Chef, der seine Mitarbeiter*innen anschnauzt, ist eben durchsetzungsstark. Tut die Chefin dasselbe, ist sie hysterisch. Ein Mann, der ausgelassen feiert, und sich betrinkt? Ganz normal. Tut das eine Frau, begibt sie sich in Gefahr und ist selbst schuld, wenn ihr etwas passiert. Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

„Sexualisierte Gewalt ist kein Frauenthema. Es ist ein Männerthema, ein Männerproblem unter dem Frauen leiden.“

Sandra Konrad, Autorin („Das beherrschte Geschlecht“)

Die meisten dieser Diskriminierungen sind im Alltag schwer zu erkennen. Es ist leicht, sie auszublenden und das eigene Leben als gleichberechtigt und frei wahrzunehmen. Die Normen an die wir uns anpassen und die Ungerechtigkeiten die uns widerfahren werden erst in der Gesamtbetrachtung klar. Ziel muss es sein, sie für alle sichtbar zu machen und sie gemeinsam zu bekämpfen.

Wofür wir also heute noch kämpfen müssen? Für die Aufhebung von Zwängen. Für die Angleichung von Chancen. Für körperliche und psychische Unversehrtheit. Für die Durchsetzung unserer Rechte. Für Gleichberechtigung in der Realität, nicht nur auf dem Papier.

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