EUROPA VERLEIHT FLÜGEL? DAS MILITÄRPROJEKT „NEW GENERATION FIGHTER“

, von  Samuel Touron, Übersetzt von Katharina Walch

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EUROPA VERLEIHT FLÜGEL? DAS MILITÄRPROJEKT „NEW GENERATION FIGHTER“
Paris Air Show 2019. Es zeigt den New Generation Fighter sowie einen seiner kleineren, unbemannten „loyal wingmen“. Foto: Wikipedia / Tiraden / Lizenz

Vor dem Hintergrund starker Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei gelang es Frankreich im September 2020, 18 Rafale F3 an Griechenland zu verkaufen. Damit erwarb Griechenland als erster europäischer Staat die modernsten französischen Kampfflugzeuge. Zunehmende Konflikte an den Rändern der EU sowie die Entwicklung von Kampfflugzeugen der sechsten Generation durch China, die USA und Russland veranlasste mehrere europäische Länder zu einem Zusammenschluss, um bis 2040 in eine neue Ära der militärischen Luftfahrt einzutreten.

„New Generation Fighter“ ist der vorübergehende Name des zukünftigen europäischen Kampfflugzeugs, das von Dassault Aviation und Airbus Defence and Space entwickelt wurde. 2025 soll der New Generation Fighter erstmals in Form eines Prototyps und dann 2038 in seiner endgültigen Form eingeführt werden. Das Kampfflugzeug wurde im Oktober 2020 zum ersten Mal bei der Euronaval-Ausstellung für Seeverteidigung in Le Bourget, Frankreich, vorgestellt. Es versetzt die militärische Zusammenarbeit der EU in eine neue Situation, in der die Gründung einer Verteidigungsunion mit dem Wunsch einhergeht, diese offensiv mit einem großen europäischen Industrieprojekt zu markieren. Damit kann sich die EU durch ein High-Tech-Instrument der Abschreckung als souveräne Militärmacht behaupten, aber auch ihre industrielle und wirtschaftliche Bedeutung demonstrieren, die in der Lage ist, mit China, Russland und den Vereinigten Staaten zu konkurrieren.

Der europäische Integrationsprozess ist auch eine Geschichte gemeinsamer industrieller und technologischer Projekte. Die militärische Luftfahrt hat in dieser gemeinsamen Geschichte einen bedeutenden Platz eingenommen. Bereits 1983 entstand der Wunsch, ein europäisches Mehrzweck-Kampfflugzeug zu entwickeln. Nach erbitterten Diskussionen über die Form des Flugzeugs zog sich Frankreich von dem Projekt zurück, was die anfänglichen Ambitionen erheblich schwächte. Bei diesem Projekt handelt es sich um den Eurofighter Typhoon, der 2002 in Dienst gestellt wurde. Der Eurofighter rüstet die Geschwader des Vereinigten Königreichs, Deutschlands, Italiens und Spaniens aus, die das Flugzeug mitentwickelt haben. Seit 2007 wird er auch vom österreichischen Bundesheer eingesetzt. Auch wenn es Verhandlungen mit Bulgarien und Finnland gab, nahm kein anderer EU-Staat den Eurofighter in seine Flotte auf.

Die europäische Armee von morgen: harmonisiert und koordiniert

Ein gemeinsames Luftarsenal ist für den Aufbau einer europäischen Armee von größter Bedeutung. In der Tat ermöglicht der Besitz gemeinsamer Flugzeuge eine bessere Interoperabilität, d. h. die Fähigkeit, in Zusammenarbeit so effektiv wie möglich zu handeln. Das Streben nach einer gemeinsamen Verteidigungspolitik bedeutet jedoch, die eigenen Streitkräfte zu harmonisieren und somit über eine gemeinsame Ausrüstung zu verfügen. Die Entwicklung von Telekommunikations- und Informationstechnologien vergrößert den Spielraum der Möglichkeiten in der militärischen Welt und ermöglicht eine größere Homogenität zwischen den Streitkräften der verschiedenen Länder. Das Jahr 2018 markiert die Wiedergeburt eines ehrgeizigen europäischen Projekts in der militärischen Luftfahrt und dies mehr als 20 Jahre nach dem Start des Eurofighter, der letztlich von nur wenigen Mitgliedsstaaten übernommen wurde und mit einem anderen europäischen Flugzeug konkurrierte, der in Frankreich entwickelten und gebauten Rafale.

Für eine koordinierte und kohärente Verteidigungspolitik ist es jedoch notwendig, dass sich die Union langfristig mit einem rationell organisierten und auf koordiniertes Handeln ausgelegtes Waffenarsenal ausstattet. In diesem Sinne erklärte die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen bei der Vorstellung des New Generation Fighter: „Für uns ist es wichtig, dass daraus am Ende ein wirklich gemeinsames europäisches Luftkampfsystem wird (...) Nicht umsonst haben wir die Europäische Verteidigungsunion und den Europäischen Verteidigungsfonds ins Leben gerufen“. Der New Generation Fighter ist somit ein konkreter Ausdruck des umfassenden und seit langem bestehenden, für das europäische Projekt nahezu konstitutiven Bestrebens, die Verteidigung in den Zuständigkeitsbereich der Union zu integrieren.

Deutschland und Frankreich, und neuerdings auch Spanien, haben beschlossen, dieses industrielle Großprojekt in Zusammenarbeit zu entwickeln. Es zielt offensichtlich darauf ab, nicht nur den „New Generation Fighter“, sondern auch das sog. „Future Combat Air System“ zu schaffen, welches das militärische Arsenal und die militärische Führung der am Projekt beteiligten Mitgliedsstaaten miteinander verbindet. Dieses Future Combat Air System wird durch einen Remote Carrier ergänzt, einem unbemannten Begleitflugzeug mit vielfältigen militärischen Anwendungen wie Störsender, Datenübertragung und Raketenabwurf. Der Schwerpunkt liegt auf der Konnektivität: einer integrierten Cloud, die es ermöglicht, Informationen von Satelliten und Radarflugzeugen, Versorgungsflugzeugen und Kriegsschiffen zu speichern und an das Kommando, den entfernten Flugzeugträger oder den New Generation Fighter weiterzugeben. Dies ist zweifellos das industrielle Vorzeigeprojekt der Union im Bereich der Verteidigung, ausgestattet mit den neuesten verfügbaren Technologien.

Eine Renaissance der Zusammenarbeit in der Militärindustrie

Die ersten Industrieverträge wurden bereits unterzeichnet, was die enge Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland durch die beiden Projektträger - Dassault Aviation und Airbus Defence and Space - unterstreicht. Die erste Konzeptionsphase wird Mitte 2021 / Anfang 2022 abgeschlossen sein. Florence Parly, französische Verteidigungsministerin, und Ursula von der Leyen, ihre damalige deutsche Amtskollegin, hatten eine Vereinbarung über 65 Millionen Euro zur Finanzierung dieser ersten Phase getroffen. Französische und deutsche Unternehmen werden Hand in Hand arbeiten, um die Zukunft einer gemeinsamen, europäischen Luftwaffe zu realisieren. So sind der französische Konzern Safran und die deutsche MTU Aero Engines mit der gemeinsamen Entwicklung der Triebwerke für das künftige Flugzeug und den Remote Carrier betraut. Es ist auch eine Gelegenheit, die europäische industrielle Zusammenarbeit bei ehrgeizigen Projekten neu zu beleben.

Die erfolgreiche Entwicklung und Markteinführung des New Generation Fighter und im weiteren Sinne des Future Combat Air System könnte durchaus ein Symbol für eine zukunftsweisende, ambitionierte und vor allem souveräne europäische Verteidigung sein. Die Schaffung des 13 Milliarden Euro schweren Europäischen Verteidigungsfonds im April 2019 könnte die Grundlage für konkrete Verteidigungsprojekte bilden und dem europäischen Do-it-yourself-Ansatz in der Verteidigung ein Ende setzen. In der Tat leidet die Verteidigung Europas unter einem Mangel an Koordination und Harmonisierung: Innerhalb der Union existieren 178 verschiedene Waffensysteme, verglichen mit nur 30 in den Vereinigten Staaten. Europäische Armeen geben insgesamt 227 Milliarden Euro pro Jahr aus. Eine Harmonisierung und Koordinierung in diesem Bereich würden Einsparungen von fast 25 Milliarden Euro ermöglichen.

Europa leidet daher nicht an mangelndem Ehrgeiz oder Einfallsreichtum, sondern an der Unfähigkeit, koordiniert zu handeln und eine gemeinsame Verteidigungspolitik zu betreiben. Wir befinden uns heute in der Phase der Erarbeitung einer gemeinsamen Vision, morgen wird die Zeit des Aufbaus dieser Vision kommen, vorausgesetzt, Europa erwacht aus einer manchmal erschreckenden Lethargie im Bereich der Verteidigung, wie der Kauf amerikanischer F-35-Kampfflugzeuge durch Belgien zur Erneuerung seiner Luftflotte zeigt.

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