Felix Lennart Hake: „Egal wer regiert, die Zivilgesellschaft trifft sich weiter."

, von  Julia Bernard

Felix Lennart Hake: „Egal wer regiert, die Zivilgesellschaft trifft sich weiter."
"Es ist unser Anspruch Menschen zusammenzubringen und vor allem junge Menschen zu motivieren, sich einzubringen.“ Felix Lennart Hake bei einer Podiumsdiskussion auf Einladung der Grünen-Fraktion im EP im März 2020 in Brüssel Foto: zur Verfügung gestellt von Axel Bozier

Felix ist 24 Jahre alt und Gründungsmitglied des Deutsch-Französischen Jugendausschuss e.V.. Der Verein soll der deutsch-französischen Zivilgesellschaft innovative und digitale Formen der Vernetzung bringen und Themen der Jugend vorantreiben. Von der politischen Führung der beiden Länder wünscht Felix sich mehr offene Kommunikation. Abgesehen von einigen Differenzen zwischen den beiden Staaten findet er aber, dass Europa viel von dem Duo lernen kann.

Als die Pariser Straßen und Cafés noch voll waren und die französische Hauptstadt nur so vor Leben strotzte, treffe ich Felix Lennart Hake in einem gemütlichen Café des 15. Arrondissements. Felix erzählt mir, dass er in Paris schon viele Monate gelebt hat, ihm aber oftmals die Zeit fehlte, die Stadt wirklich zu erkunden. Dieses Mal ist er (fast) nur zum Vergnügen da und genießt es umso mehr. Felix fuhr seit seiner Kindheit in den Urlaub in die Normandie. Zuletzt lebte er im Rahmen seines deutsch-französischen Doppelmasters in der Metropole. An der prestigeträchtigen Sciences Po Paris studierte er Politikwissenschaft und European Affairs. Aktuell führt er sein Studium auf der anderen Seite des Rheins in Berlin weiter und kommt, so oft es geht, wieder nach Frankreich.

Bevor es ihn in die Hauptstädte zog, studierte Felix Soziologie, Politik und Ökonomie in Friedrichshafen am Bodensee. Doch auch von dort zog es ihn oft in die zwei Metropolen. Praktika absolvierte er beim Auswärtigen Amt, dem Europäischen Nachrichtenportal Euractiv, bei einer politischen Kommunikationsberatung und weiteren Organisationen. Was ihn daran begeistert? Mit politischer Kommunikation einen Teil zur europäischen Einigung beizutragen. Für Felix stehen die deutsch-französischen Beziehungen am Anfang der europäischen Verständigung.

Das Deutsch-Französische ist Felix dabei auch über sein Studium hinaus eine Herzensangelegenheit. Und da ist er kein Träumer. Als Gründungsmitglied des Deutsch-Französischen Jugendausschuss will er seinen pragmatischen Teil zur Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich beitragen. Er wollte neue Wege der oftmals „verkrusteten“ Formen der zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten schaffen. Geleitet von der Überzeugung, den deutsch-französischen Beziehungen einen innovativen, jüngeren und vor allem einen digitalen Anstrich zu verpassen, ist der Ausschuss von sieben Gründungsmitgliedern im Jahre 2016 gegründet worden. Heute sind sie auf über 100 Mitglieder angewachsen. Mit der Online-Plattform froodel.eu möchte der Ausschuss das zivilgesellschaftliche Engagement übersichtlicher und digitaler gestalten. Mit einem intergenerationellen Forum werden Jung und Alt vernetzt.

In einem einstündigen Interview sprechen wir über die Rollen von Zivilgesellschaft, Jugendengagement, Digitalisierung, und darüber, was Europa von den deutsch-französischen Beziehungen lernen kann.


Felix Lennart Hake. Foto: zur Verfügung gestellt von Felix Lennart Hake

Gelebte deutsch-französische Beziehungen

treffpunkteuropa.de: Was macht Frankreich für Dich immer noch so attraktiv?

Felix Lennart Hake: Die Motivation kam erst einmal durch die Familie. Die hatte immer schon ein Interesse an Frankreich. Dann war auch schnell für mich klar, dass ich auch Französisch lernen möchte. Es ist auch einfach eine wunderschöne Sprache, wenn man es dann einmal spricht. Grinst. Außerdem wird nach dem Brexit Französisch auf Rang 2der meistgesprochenen Sprachen der EU sein. Französisch öffnet einem somit viele Türen. Nicht nur im persönlichen Bereich und im Studium, auch für den späteren Berufseinstieg. Im europäischen Raum ist es eigentlich unerlässlich. Französisch ist auch global gesehen immer noch sehr wichtig.

In Deutschland wählen immer mehr Schüler*innen Französisch in den höheren Schulklassen ab. Wie können junge Menschen für Frankreich begeistert werden?

Junge Menschen müssen ran an Erlebnisse, bei denen sich denken „Hey, da hätte ich echt gerne Französisch gesprochen“. Denn die Sprache steht da immer am Anfang – sie ist irgendwo der Mittel zum Zweck. Es braucht Zeit, aber am Ende hat man sowohl persönlich als auch im Berufsleben im internationalen Kontext einfach riesige Vorteile. Selbst wenn man nicht international arbeiten möchte. Nach dem Brexit werden sich zudem viele deutsche Unternehmen noch mehr an Frankreich orientieren.

Du sprichst von Erlebnissen. Wo braucht es vielleicht noch mehr gelebte deutsch-französische Erfahrung?

Ein Thema, das mir selbst sehr am Herzen liegt, ist die berufliche Bildung. Ich glaube, das ist etwas, was sehr lange unterschätzt oder nicht beachtet wurde. In Bereichen, die ohnehin schon sehr mobil sind, gerade im wirtschaftlichen Bereich, wird schon viel deutsch-französisch gemacht. Viel wichtiger ist es aber, diejenigen nach Deutschland oder nach Frankreich zu bringen, die in ihrem Alltag eigentlich nichts mit dem anderen Land zu tun haben. Denen mal eine Woche oder zwei im anderen Land zu ermöglichen, das bringt Veränderung. Dies gilt vor allem für Menschen mit Berufsschulabschluss, in Ausbildungen – kurzum: Da, wo Austausche leider nicht auf der Agenda stehen. Solche Erfahrungen sind sowohl eine persönliche Bereicherung für die jungen Menschen als auch für die Unternehmen. Das Optimum wäre: Egal wer man ist, jede*r sollte solch eine Erfahrung machen können.

Auch außerhalb des deutsch-französischen Netzes braucht Europa mehr Erfahrung.

Das Bewusstsein dafür zu stärken, dass es eben noch mehr als nur das Deutsch-Französische gibt, ist sehr wichtig. Aber deutsch-französische Arbeit ist eben auch europäische Arbeit und sollte nicht diskreditiert werden. Es muss nicht zwingend eine deutsch-französische Erfahrung sein. Auch eine deutsch-britische, deutsch-polnische oder deutsch-niederländische Erfahrung ist bereichernd. Zwischen Deutschland und Frankreich gibt es nur dieses so enge Netzwerk. Mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, tausenden Partnerschaften und hunderten Vereinen, da sind die Möglichkeiten einfach unheimlich groß. Eine deutsch-französische Erfahrung kann auch sehr oft der Anfang einer europäischen Erfahrung sein.

Die Sonderrolle der Jugend in Europa

Lange hieß es, dass die Jugend sich nicht für Politik interessiere und nicht engagiert sei. Heute zeigen sich neue Formen des Jugendengagements. Du hast den Deutsch-Französischen Jugendausschuss gegründet. Was motiviert Dich, den gesellschaftlichen Diskurs mitgestalten zu wollen?

Auch wenn es die deutsch-französischen Beziehungen in der Form schon seit dem Zweiten Weltkrieg gibt, finde ich es spannend, dass da immer noch so viele Punkte sind, an denen man etwas machen muss. Ich und viele im Verein finden, dass man jungen Leuten noch bessere Möglichkeiten geben muss, sich im deutsch-französischen Bereich zu engagieren. Das große Ziel dahinter: die europäische Idee. Das Deutsch-Französische ist da nicht exklusiv. Wir stehen Kooperationen mit paneuropäischen Projekten oder anderen bilateralen Vereinigungen sehr offen gegenüber. Bilateral, also für uns zwischen Deutschland und Frankreich, ist der Rahmen nur realisierbarer. Meine Ambition ist es also, einen kleinen Beitrag zur europäischen Verständigung und Einigung zu leisten.

Welche Rückmeldungen bekommst du von jungen Menschen?

Immer wieder treffe ich junge Menschen, die in Frankreich studiert oder auf einem Austausch waren und sagen: „Das war genau das, was gefehlt hatte! Ich möchte dem anderen Land verbunden bleiben und wusste nicht wie.“ Viele möchten da wirklich aktiv werden. Unser Job ist es dann, dieses Engagement zu ermöglichen, die Leute zu verbinden, zu zeigen, wo noch etwas zu machen ist, Ideen zu unterstützen.

Wie sieht das konkret aus?

Wir haben beispielsweise ein intergenerationelles Forum, das wir einmal im Jahr organisieren. Da treffen sich dreißig bis fünfzig Leute aus beiden Ländern, die irgendwo zwischen 13 und 80 Jahre alt sind. Die meisten kennen sich nicht, sprechen oftmals nicht die andere Sprache und am Ende fahren sie zum Teil mit Tränen in den Augen nach Hause. In drei, vier Tagen entstehen oftmals wahre Freundschaften. Da lohnt sich dann auch der 25. Förderantrag, den wir zur Finanzierung stellen. Lacht.


Organisation und Moderation beim intergenerationellen Forum 2019 in Halle (Saale). Foto: zur Verfügung gestellt von Gerolf Mosemann

Ihr beschäftigt euch also mit Jugendthemen. Welche Sonderrolle kommt der Jugend zu?

So wie du sagtest, glauben viele „die Jugend engagiere sich nicht mehr“, die sei unzuverlässig und so weiter. Unsere Rolle ist es da, zu zeigen, dass es eben doch viele engagierte und verlässliche junge Menschen gibt. Wir sind auch dafür da, neue Themen aufzuzeigen. Da geht es dann um Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Mobilität, neue Formen des Austausches. Denn das große Ziel der Begegnung ist über die Generationen hinweg gleich.

Ihr versteht Euch als „Wegbereiter einer neuen deutsch-französischen Jugendbewegung in Städtepartnerschaften“. 1950 entstand zwischen Ludwigsburg und Montbéliard die erste deutsch-französische Städtepartnerschaft. Städtepartnerschaften sind keine besonders neue Idee. Brauchen wir in einer digitalen und vernetzten Welt solche Kooperationen noch?

Wir haben natürlich den Anspruch, die deutsch-französischen Beziehungen im Allgemeinen zu gestalten. Bei den Städtepartnerschaften ging es uns darum, frischen Wind und Knowhow hinein zu bringen.

Aber sind Städtepartnerschaften nicht irgendwie überholt?

Kommt drauf an. Wenn man sie so macht, wie man sie bisher gemacht hat, dann vielleicht schon. In Zeiten der Vernetzung ist man oftmals sehr unverbindlichen Austausch gewöhnt. Wir als Jugendausschuss arbeiten auch sehr viel online, aber das, was die Menschen tatsächlich bewegt, sie verbindet, das sind eben immer noch persönliche Begegnungen – das bleibt der wichtigste Kern und das ist gleichzeitig der Sinn von Städtepartnerschaften. Die müssen sich eher insofern radikal ändern als dass sie ihre Angebote, Veranstaltungen, Themen an potenzielle neue Mitglieder anpassen müssen. Wir brauchen nicht den tausendsten historischen Vortrag über den Élysée-Vertrag von 1963. 2015 hatten wir viele Städtepartnerschaften, die zum Beispiel viele Integrationsprojekte über die Frankophonie mitgetragen haben – das war sehr pragmatisch und sinnvoll. Diese Partnerschaften sind also sehr wichtig, sie müssen aber eben auch zeitgemäß handeln.

Was Europa vom deutsch-französischen Duo lernen kann

Viele Menschen sagen, Europa nehme Menschen nicht mit. Was brauchst du konkret, um Menschen die europäische Idee näher zu bringen?

Um den Kreis derer, die ohnehin schon angesprochen werden, zu erweitern, braucht es mehr Ressourcen. Denn nur mit besserer finanzieller Unterstützung können die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die meistens ehrenamtlich und spendenfinanziert arbeiten, beim Überwinden von Sprachbarrieren und andere Hürden, wie Mobilitätskosten, helfen.

Am 22. Januar 2019 haben die Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Staatspräsident Emmanuel Macron einen Versuch gestartet, den Élysée-Vertrag und damit die deutsch-französischen Beziehungen mit einem neuen Vertrag, dem Vertrag von Aachen, neu aufblühen zu lassen. Darin ist auch ein Deutsch-französischer Bürgerfonds vorgesehen. Was bringt dir solch ein Fond?

Das kann genau die gebrauchte Mittelerhöhung sein. Für alle, die schon aktiv sind, kann das eine gute Unterstützung sein. Damit können neue Mitglieder gewonnen werden und insgesamt können wir die deutsch-französischen Beziehungen dann breiter öffentlich zugänglich machen. Wie man an der gestiegenen Wahlbeteiligung bei den Europawahlen sehen konnte, ist Europa eben kein Nischenthema mehr.

Die Unterzeichnung solch eines Vertrages hat natürlich auch immer Symbolkraft. Hat dich das motiviert? Bekommen Menschen außerhalb der deutsch-französischen „Blase“ so etwas mit?

Ja, denn es zeigt, dass der politische Wille und das Interesse da sind. Es war lange Zeit ein Anliegen der Zivilgesellschaft, mehr praktische Unterstützung zu erhalten. Ob der Vertrag auch außerhalb der deutsch-französischen Community als „weiterer Meilenstein“ aufgegriffen wurde, das würde ich vorsichtiger beurteilen. Aber das ist vielleicht auch das Positive daran, dass es nicht die große symbolische Willenserklärung ist, sondern sehr Konkretes dabei ist.

Viele politische Formate, die es zwischen Deutschland und Frankreich gibt, sind einmalig. Was kann Europa vielleicht vom deutsch-französischen Laboratorium lernen?

Spontan denke ich an die Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung, zum Beispiel. Da gibt es eine so enge Zusammenarbeit zwischen zwei Parlamenten, wo gibt es das schon? Es zeigt, dass die deutsch-französische Kooperation eben auch immer wieder neue Wege finden muss, ganz praktisch sichtbar zu werden. Eine physische Versammlung kann da auch mehr Verständnis für die internen Prozesse des anderen schaffen, ich denke da auch an so innenpolitische Dinge wie die Wahl von Thomas Kemmerich als Thüringer Ministerpräsident oder die Rentenreform in Frankreich. Deutschland und Frankreich können zeigen, wie grenzüberschreitende Verständigung angegangen werden kann. Es ist also ein Versuchslabor und vielleicht auch Vorreitermodell.

Was wünschst du dir vom so oft beschworenen deutsch-französischen Motor in Europa?

Auf Arbeitsebene, zwischen Ländern und Regionen läuft unheimlich viel sehr gut. Auf politischer Ebene könnte es besser sein. Denn persönlich halte ich es immer noch für falsch, dass Deutschland nicht substantiell auf die Sorbonne-Rede (Anm. der Red.: Rede Macrons zu seiner Vision und Initiativen für Europa) geantwortet hat. Zumindest im öffentlichen Bereich ist der Eindruck entstanden, dass von Deutschland kein oder kaum Interesse vorhanden sei. Dadurch erschienen die Beziehungen irgendwie schwierig. Der Vertrag von Aachen hat da wieder ein deutlich besseres Zeichen gesetzt. Wenn es mal Differenzen gibt, braucht es meiner Meinung nach einfach einen sehr offenen und kommunikativen Umgang miteinander.

Und zu guter Letzt: Was ist das Schönste und das Herausforderndste an Deinem Engagement für den Deutsch-Französischen Jugendausschuss?

Die Herausforderung ist, sich immer wieder neu zu fragen, ob das, was man tut, auch das ist, was gerade gebraucht wird. Denn die Motivation bleibt ja, dass wir etwas verändern möchten. Das Positive zeigt sich dann in diesen Situationen, in denen man merkt, dass man einen Beitrag geleistet hat.


Die Broschüre des Deutsch-Französischen Jugendausschuss e.V.. Foto: zur Verfügung gestellt von Felix Lennart Hake

Wann merkt ihr das?

Felix: Das merken wir, wenn uns ein Verein oder eine Städtepartnerschaft sagt, „wir wissen jetzt, wie wir junge Leute neu ansprechen können“. Wenn wir Begegnungen zwischen Menschen schaffen konnten, die oftmals nicht die andere Sprache sprechen. Manchmal sind es auch ganz praktische Sachen: Wenn man merkt, gerade auch im Austausch mit politischen Partnern, dass es ein gemeinsames Interesse darangibt, die bilateralen Beziehungen voranzubringen. Dass die Zivilgesellschaft gehört wird und die vorangetragenen Themen als wichtig erachtet werden. Gerade in politisch unruhigen Zeiten ist die Zivilgesellschaft wichtig. Denn egal, wer Kanzler oder Kanzlerin ist, egal, wie der Draht zwischen Élysée und Kanzleramt ist, die Zivilgesellschaft trifft sich weiter.

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