„Früher war ich für den Brexit, heute bin ich für ein föderalistisches Europa.“

, von  Jordan Barry, übersetzt von Marie Menke

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„Früher war ich für den Brexit, heute bin ich für ein föderalistisches Europa.“

Ungefähr vor zwei Jahren veränderte sich der politische Kurs meines Landes so maßgeblich und abrupt, dass niemand mehr mithalten konnte. Ich bereitete mich gerade auf meine letzte Abiturprüfung vor – und darauf zu feiern, dass der Brexit endlich zum Greifen nahe war. In dem Moment erschien es mir, als könnten die Menschen in meinem Land endlich wieder Kontrolle über ihre eigene Zukunft erlangen. Wie schnell sich alles verändert hat: Mein Land, das Vereinigte Königreich, bestimmte einst mit über die Zukunft Europas, hat heute aber einen Großteil seines Einflusses verloren.

Ich hatte erste Zweifel bezüglich des Brexits, als ich zu überlegen begann, was ich mit meiner eigenen Zukunft anfangen wollte. Es war schwierig, diesen Reichtum von Möglichkeiten in Kontinentaleuropa zu sehen, aber gleichzeitig zu wissen, dass ich die Freiheit, diese Möglichkeiten zu nutzen, verlieren würde, und es fühlte sich an, als wäre da plötzlich ein Hindernis auf meinem Weg. Aber wie kam ich dazu, mich mit europäischem Föderalismus auseinanderzusetzen? In der Idee eines vereinten Europas finde ich heute etwas, zu dem es sich lohnt aufzublicken und darin Hoffnung zu finden. Wir sehen den Erfolg von Ländern wie den Vereinigten Staaten von Amerika und China, und wir wissen, dass Europa als ein Kontinent mit so kleinen Staaten niemals an die wirtschaftliche und militärische Macht oder auch nur die soft power dieser Kraftpakete herankommen wird. Genauso kann auch kein europäisches Land allein den Klimawandel abwenden oder Herausforderungen wie steigende Migrationsraten oder die Eurokrise meistern. Das sind Dinge, die wir alle zu spüren bekommen, aber vor allem bekommen die Ärmsten unseres Kontinents sie zu spüren – egal wo sie wohnen.

Es ist nicht so, als hätte ich das vor dem 23. Juni 2016 schlichtweg nicht gewusst, aber wir haben erst jetzt gesehen, wie wichtig es für die EU ist, vereint zu bleiben, um ihren Auftrag und ihr Streben nach bedeutungsvollem Wandel und langfristigem Frieden erfüllen zu können. Die USA hat sich aus dem Übereinkommen von Paris herausgezogen, Russland klopft weiter an unseren Türen im Osten und es zeichnet sich längst ab, dass einzelne Länder allein nicht dafür gewappnet sind, der ansteigenden Migration im Süden zu begegnen. Neue europäische Kooperationen können all dies und mehr lösen.

In ihrer jetzigen Form ist die EU jedoch nicht in der Lage dazu. In fast jedem Land in der Union wird über die Demokratiedefizite innerhalb unserer Institutionen gesprochen und darüber, dass die „EU-Blase“ in Brüssel ihren Kontakt zu den Bürger*innen verloren hat. Diese Stimmen haben recht. Ein Parlament, das nicht in der Lage dazu ist, seine eigene Gesetzgebung auszuführen; ein verwirrendes Dreieck als Legislative; eine Kommission, die nicht von der Bevölkerung, sondern von den Nationalstaaten gewählt wird, die allesamt ihren eigenen Interessen und nicht denen der EU-Bürger*innen insgesamt folgen. All das ergibt zusammen eine Situation, in der Euroskeptiker*innen es einfach haben zu kontrollieren, was über Demokratie gesagt wird, während sie sich einer „Eliten gegen das Volk“-Einstellung bedienen. Ohne weiter auf die Probleme, die Europa hat, einzugehen, ist es dennoch einfach, an die Rückkehr zum Nationalstaat zu glauben – ich glaubte jedenfalls an genau das.

Das ist der Grund, warum ich mich für den Brexit aussprach. Aber jetzt, wo wir die EU verlassen, habe ich das Gefühl, dass mein Land die Chance verpasst, Teil etwas Größeren zu werden. Ein Europa, in dem Kinder, die zwischen Lissabon und Helsinki aufwachsen, davon träumen, Präsident oder Präsidentin einer europäischen Föderation zu werden, so wie die Kinder in den USA davon träumen, Präsident oder Präsidentin ihres Landes zu werden. Ein Kontinent, der von seiner gemeinsamen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geeint wird. Eine Wirtschaft, in der gute Jobs gefunden werden können, egal welcher Nationalität man angehört. Und eine Union mit großer Macht und großem Einfluss, die ihre Bürger*innen verteidigen und Menschen außerhalb ihrer Grenzen helfen kann.

Gebt uns einen gewählten Präsidenten oder eine gewählte Präsidentin, werft den Europäischen Rat raus, sorgt für eine wirklich europäische Politik mit europäischen Parteien, in denen europäische Bürger*innen mitbestimmen. Diese einfachen, aber zugleich so radikalen Ideen hätten den Brexit unmöglich machen können, hätten sie die Demokratie innerhalb unserer Union gestärkt. Zusammen können wir der Krise begegnen, die unseren Kontinent eingenommen hat, aber zuerst müssen wir die Europäische Union neu erfinden, damit sie zugänglicher und demokratischer wird. So wie sie jetzt ist, kann sie nicht gegen die Euroskeptiker*innen kämpfen, aber die Demokratie kann gewinnen – und das wird sie.

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