Hoch im Norden und doch mitten im Zentrum: Die Europäische Arktisstrategie

, von  Stephan Raab

Hoch im Norden und doch mitten im Zentrum: Die Europäische Arktisstrategie
Das wirtschaftliche Potential des hohen Nordens möchten vor allem Schweden, Finnland und Dänemark als auch die europäischen Nachbarn Norwegen und Island nutzen. Foto bearbeitet nach Noel Bauza / Pixabay Lizenz Creative Commons

“The arctic is a new gateway to the world, and innovative cooperation for its sustainable development is key to the future of the planet”, erläuterte die Hohe Vertreterin der EU Außen- und Sicherheitspolitik Federica Mogherini die neue Arktisstrategie der Europäischen Union. Gelegen am äußersten Rand rückte die Arktis in den letzten Jahren ins Zentrum des Interesses.

Was ist die Arktis?

Der Kompass nationaler und internationaler Interessen zeigt gen Norden, Richtung Arktis. Abhängig von der wissenschaftlichen Betrachtung wird darunter der Kreis der Sonnenwende nördlich des 66. Breitengrades verstanden. Alternativ wird häufig die Juli Isotherme als Abgrenzung gesehen. Nördlich dieser klimatischen Grenze überschreiten die Temperaturen selbst im Hochsommer niemals 10º Celsius. Dies geht häufig mit Permafrostböden einher. Folgt man der Definition des Arktischen Rates umfasst der Arktische Raum in seiner Gesamtheit 8% der Erdoberfläche bzw. ein Gebiet von mehr als 40 Millionen km². So vielseitig die Natur, so vielseitig sind auch Kulturen und Traditionen der knapp vier Millionen Bewohner der Arktis.

Aus dem hohen Norden ins Zentrum

Kann ein Eisbär einen Pinguin fressen? Das ist eine beliebte Scherzfrage, werden doch Antarktis und Arktis häufig miteinander verwechselt. Beide Pole erscheinen ähnlich, unterscheiden sich aber in ihrer Beschaffenheit und rechtlichen Regelung deutlich voneinander. Die Antarktis ist eine gefrorene Landmasse. Ihre Nutzung rein für wissenschaftliche Zwecke sowie das Verbot militärischer Aktivitäten sind im Antarktisvertrag von 1959 geregelt. Hingegen handelt es sich bei der Arktis um einen von Eisschichten bedeckten polaren Ozean. Lange war der hohe Norden kaum von Interesse, weshalb es hier kein eigenes Regelwerk gibt.

Der Klimawandel änderte aber auch die Wahrnehmung der Arktis. Seit 1980 verlor die Arktis im Schnitt eine Million km² an Eisfläche pro Jahrzehnt. Auf diese Weise werden vormals unzugängliche Gebiete im hohen Norden nun zugänglich und wirtschaftlich erschließbar. Aufgrund von Studie des. U.S. Geographic Survey werden hier bis zu 30% ungenutzter Erdgasvorkommen und bis zu 12% der unerschlossenen Erdölvorkommen vermutet.

Karte der Artkis: Foto Sanoa/ Wikicommons Lizenz: Gemeinfrei Quelle: Wikicommons

Auf dem Weg zur gemeinsamen Arktispolitik

„Nun wird sich Russland bis zur Arktis ausdehnen“. Der russische Anspruch auf die Arktis wurde 2007 medial durch das Platzieren einer russischen Fahne am Nordpol unterstrichen. Auch wenn der UKIP-Abgeordnete William Dartmouth die Idee einer gemeinsam europäischen Arktispolitik als schlichtweg bizarr bezeichnete, der Wettlauf um die Arktis hat bereits begonnen. Als Reaktion beruht die Europäische Arktispolitik auf drei verschiedenen Säulen:

  • Klimawandel
  • Nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung
  • Internationale Kooperation

Erst wenn der letzte Gletscher geschmolzen – Klimawandel

Die Folgen des Klimawandels werden in der Arktis besonders deutlich. Selbst wenn es gelingt, das Ziel des Pariser Klimaabkommen einzuhalten, bedeutet ein Anstieg des Weltklimas um 2º einen Anstieg des Klimas um bis zu 5º in der Arktis. Die schmelzenden Eismassen sorgen für eine weitere Erwärmung des arktischen Ozeans und beschleunigen das Abschmelzen selbst. Dieser Effekt wird als polare Amplifikation bezeichnet. Unter der EU-Polar-Net-Initiative haben sich die Estland, die Niederlande, Österreich, Portugal, Polen und die Schweiz zusammengetan, die Folgen des Klimawandels in der Arktis zu untersuchen.

Ein Abschmelzen des arktischen Schelfs beeinflusst die Ozeane, welche wiederum das Weltklima beeinflussen. Die Folge sind zunehmende instabile Wetterlagen vor allem im Globalen Süden. Diese Auswirkungen sind in der Migrationsdynamik nach Europa zu spüren.

Ich will leben im Norden - Nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung Mehr als 90% des weltweiten Handels der europäischen Union sind auf die Schifffahrt angewiesen. Dies ist umso bedeutsamer, als dass die Nordwestpassage durch die Arktis immer länger befahrbar wird. Sie reduziert den Transport von Yokohama nach London um etwa ein Drittel.

Insbesondere China sieht die Arktis als eine Möglichkeit globalen Einfluss geltend zu machen. Als „direkter Nachbar“ der arktischen Region stellte das Reich der Mitte seine eigene Arktisstrategie vor. Im Sinne der „One Road One Belt“ Initiative soll gemeinsam mit dem Nachbarn Russland eine „Polare Seidenstraße“ geschaffen werden, welche den europäischen und den asiatischen Wirtschaftsraum näher miteinander verbindet. Russland gilt hier als der größte Einflussfaktor in der Arktis, wird diese doch als originärer Teil des russischen Territoriums verstanden. Dieser Einfluss wird auf zwei Weisen geltend gemacht. Ein massives Infrastrukturprojekt in zivile Einrichtungen ermöglicht die Erschließung der arktischen Reichtümer. Militärische Anlagen sollen die russischen Interessen in der Region sichern.

Das wirtschaftliche Potential des hohen Nordens möchten vor allem Schweden, Finnland und Dänemark als auch die europäischen Nachbarn Norwegen und Island nutzen. Neben dem Abbau von natürlichen Ressourcen, sind vor allem der nachhaltige Tourismus als die Förderung ethnischer Erzeugnisse ein wichtiger Wachstumsfaktor. Darüber hinaus haben globale Konzerne die Möglichkeiten des polaren Klimas für die Digitalisierung entdeckt. Facebook und Google haben wichtige Rechenzentren im Norden von Schweden und Finnland etabliert. Das kleine Island mit einer Bevölkerung von etwa 330.000 Menschen hat sich zu einem Zentrum des Bitcoin Minings entwickelt. Digitale Technologien ermöglichen es zudem, die Bevölkerung in den entlegenen Gebieten etwa durch e-Health mit dem Rest Europas zu verbinden.

Die Arktis ein besonderer Raum – Internationale Kooperationen

„O du altes o du kaltes Land. Der wahre Norden stark und frei. Vom südlichen Meer bis zum Polarkreis.“ So charakterisieren die schwedische, die kanadische und die russische Nationalhymne den arktischen Raum. Über Jahrhunderte war die Arktis ein Raum des Friedens. Die skandinavischen Länder gelten als die friedlichsten und stabilsten Nationen der Welt. Entsprechend dem zunehmenden internationalen Fokus entwickelten sich in den letzten Jahren völkerrechtliche Ansätze diese Region als Raum des Friedens und der Stabilität zu bewahren. Seit 1996 dient der Arktische Rat als Dialogforum für die Arktischen Staaten USA, Kanada, Island, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Gemeinsam wurden bereits Abkommen zum Umgang mit Ölkatastrophen als auch die Koordinierung von Rettungsmissionen erarbeitet. Seit 2013 bewirbt sich die Europäische Union um einen Beobachterstatus. Dieser scheitert aber bisher am Veto der Russischen Föderation.

Derzeit sind die russisch- europäischen Beziehungen vor allem durch Spannungen geprägt. Trotzdem bildet die Arktis hier eine Ausnahme. Das Kolarctic Programm des Euro Barentsrat fördert gemeinsame lokale Projekte zwischen Finnland, Schweden, Norwegen und Russland. Solche Projekte können Chancen sein, Misstrauen abzubauen und Korporationen zu stärken.

Tauwetter in der Arktis

Lange Zeit lag die Arktis am Rande des Weltgeschehens, doch ist sie in den letzten Jahren ins Zentrum wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Interessen gerückt. Viele Folgen des menschlichen Handelns wie insbesondere der Klimawandel wirken hier wie ein Brennglas. Die Folgen des Klimawandels, das angespannte Verhältnis zu Russland als auch die internen Auseinandersetzungen der europäischen Mitgliedsstaaten sind große Schwierigkeiten, die europäische Arktisstrategie fortzuentwickeln. Gemeinsame Entwicklung der Arktis kann diesen begegnen. Die Bewahrung der Arktis birgt auch einen wichtigen Schlüssel für die Zukunft unseres Planeten. Bereits der große Arktisforscher Ernest Shackleton erkannte einmal: „Schwierigkeiten sind letztlich nur Dinge, die überwunden werden müssen.“

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