In dem Land, in dem “Chinese” eine Beleidigung ist

Kinder der Diaspora

, von  Paloma Chen, übersetzt von Theresa Bachmann

Kinder der Diaspora
Foto: Paloma Chen

Auf Chinesisch werden sie huayi genannt. Ihre Eltern sind huaqiao. Zwischen 20 und 35 Jahre sind die meisten von ihnen alt. In Spanien ist ihre Identität noch ungeklärt.

In einer dreiteiligen Serie berichtet treffpunkteuropa.de-Autorin Paloma Chen von den Kindern chinesischer Migrant*innen in Spanien. Hier findet ihr den ersten Beitrag.

Kulturschock: Über Feminismus und sexuelle Orientierung sprechen

Der Mentalitätsunterschied zwischen Eltern und Kindern ist bemerkenswert: Der Unterschied ist bereits in China aufgrund der massiven ökonomischen Veränderungen in sehr kurzer Zeit und der neuen politischen Position Chinas in der Welt sehr groß. In Spanien kommt noch hinzu, dass die Kinder in einem westlichen Land aufgewachsen sind. Einige dieser Herausforderungen werden in der empfehlenswerten Dokumentation „Chiñoles y bananas“ der Journalistin Susana Ye aufgegriffen.

„Es gibt viele kulturelle Unterschiede“, erklärt Charlie Ye. „Ich bin viel offener als meine Familie. Sie sagen oft zu mir, dass ich mich unhöflich benehme, aber ich denke, dass sie damit meinen, dass ich zu direkt bin. Auch in Bezug auf Geschlechter und Geschlechterrollen ist es wahr, dass mein Vater sich meiner Mutter und meinen Schwestern gegenüber sehr sexistisch verhalten hat, als wir noch mit ihm zusammenlebten.„Carol Zhou spricht mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Schwester meist Spanisch. Das Spanisch ihres Vaters ist nicht besonders gut und die Beziehung zu ihm nicht eng. „In meiner Familie kann die sexuelle Orientierung Konflikte verursachen, aber wir sprechen nicht sehr viel darüber. Ich bin bisexuell und als ich es meiner Mutter gesagt habe, hat sie es akzeptiert, aber sie hatte Angst, ich könnte Diskriminierung ausgesetzt sein. Ich hatte Glück, da meine Mutter vielen anderen Realitäten gegenüber offen ist, auch wenn sie sich anderen Menschen gegenüber aus Ignoranz rassistisch verhalten kann.“

Rassismus und Darstellung

Charlie Ye sagt: "Ich habe mein ganzes Leben mit Mikro-Rassismus gelebt: Kommentare, Einstellungen… Trotzdem bin ich glücklich, denn ich bin es gewohnt und Leute, die mir Rassismus entgegenbringen, sind eine Minderheit“. Charlie Ye ist Anfang zwanzig und hat sich in den Massenmedien, im Fernsehen oder im Kino nie gut dargestellt gefühlt. Nur ein paar Chines*innen und Menschen asiatischer Herkunft tauchen dort auf. Meist lassen stereotypische Rollen sie albern aussehen.

Carol Zhou berichtet: „Ich fühlte mich in den Medien nur durch stereotype Rollen repräsentiert, die nichts mit meiner Rasse zu tun hatten, wie die Rolle der Intelligenten, der Künstlerin oder des schüchternen Mädchens. Erst viel später, als ich älter wurde, anfing zu hinterfragen und über meine Identität nachzudenken, fragte ich mich wirklich, warum in den Medien vor allem weiße Menschen vorkamen. Besonders als ich jung war, kam es zu Konflikten, weil ich mit Weißen zusammenlebte, die weiße Familien hatten, und das war ich nicht, obwohl ich mir selbst einredete, dass es nicht wichtig sei“, sagt Carol Zhou.

„Natürlich gab es immer Idiot*innen, die mich zufällig“Chinesin„nannten. Ich habe immer klargestellt, dass ich von hier komme, dass ich Spanierin bin, obwohl meine Familie chinesisch ist. Ich wünschte, jemand hätte mir gesagt, dass es nicht nötig war: dass ich beides sein kann, oder keines von beidem, und alles in Ordnung ist“, sagt sie. „Obwohl ich immer noch Diskriminierung aufgrund meines Aussehens spüre, fühle ich mich heute, mit 23 Jahren, nicht mehr eingeschüchtert.“

“Woher kommst du?” - Oder: Das Identitätsproblem

„Identität ist wichtig. Sich selbst zu fragen, wo kommst du her, wo liegen deine Wurzeln, wie fühlst du dich damit, ist wichtig“, betont Charlie Ye. „Selbst wenn es dich selbst nicht kümmert, wird dich die weiße Gesellschaft mindestens ein Mal in deinem Leben dazu bringen, dich das zu fragen.“ Nationalität ist nichtsdestotrotz anders. Für Charlie Ye hat sie lediglich praktische Bedeutung. „Fühle ich mich als Chinese, Spanier, Asiate, Europäer? Eigentlich fühle ich mich als Einwohner Barcelonas, nicht einmal der ganzen Provinz, sondern der Stadt. Ich bin weder Nationalist noch Patriot, ich kümmere mich nur um das Wohlergehen meiner Familie und mir. Ich würde sagen ich bin ein Weltbürger, aber wenn ich wählen müsste, würde ich Barcelona wählen.“

Nicht alle sind seiner Meinung. Angel Zhou Lin fühlt sich, als wäre er einer unter vielen in der Gesellschaft. Jeder ist ein Individuum und denkt anders über seine Situation nach. Man kann Menschen nicht klassifizieren und denken, dass sie, weil sie in einer chinesischen Familie aufgewachsen sind, alle gleich oder auch nur ähnlich sind. Für Angel Zhou ist es irrelevant zu fragen, ob er Spanier oder Chinese ist. Er gibt jedoch zu, dass er sehr viel stärkere europäische oder westliche Gedanken hat als seine Eltern: „Das geht mit kleinen Unterschieden in Bezug auf Sitten, Werte, Lebensgefühl, Zukunftsentscheidungen, Stabilität einher„. Eine gute Nachricht dabei ist, dass die Konflikte zwischen ihm und seinen Eltern nicht schwerwiegend sind:“Meine Beziehung zu ihnen hat sich im Laufe der Jahre stark verbessert. Ich fühle mich ihnen jetzt viel näher als in meinen Teenagerjahren".

Seine Cousine Carol Zhou antwortet, dass sie sich im Alter von 10 Jahren zweifellos spanisch fühlte, obwohl sie die kulturellen Unterschiede zu ihrer chinesischen Familie genoss und respektierte. „Mittlerweile sehe ich jedoch nicht mehr die Notwendigkeit, meine Nationalität zu rechtfertigen. Die Frage nach deiner Nationalität ist vielmehr nur eine weitere Frage unter tausenden von Fragen, die du dir selbst stellen kannst, um dir zu helfen, dich selbst zu kennen und etwas über dich selbst zu lernen. In diesem Sinne ist Nationalität nur ein weiteres Element von mir. Mein Gesicht erklärt meine Abstammung und mein spanischer Pass erfüllt mein Bedürfnis, weißen Menschen zu beweisen, dass Stereotypen falsch sind. Allerdings arbeite ich immer noch daran. Ich möchte mich nicht auf ein Dokument stützen, um meine Zugehörigkeit zu einem Ort nachzuweisen. Das sollte nicht notwendig sein.“

Dies ist der zweite Beitrag einer dreiteiligen Serie. Sobald er online ist, werden wir hier den dritten Teil verlinken.

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