Heldinnen im Nachhinein

Wie ukrainische Frauen sich auf das Schlimmste vorbereiten

, von  Jasmin Nimmrich, Luisa Fechner, übersetzt von Moritz Hergl, Zoriana Tsiupak

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Heldinnen im Nachhinein
Olena Biletska, die Gründerin des Ukrainian Women’s Guards, zeigt einer Teilnehmerin die Bedienung einer Waffe Foto: Ukrainian Women’s Guard

In Kriegszeiten wird eine geschlechtsspezifische gesellschaftliche Spaltung deutlich - und zwar in den meisten militärischen Strukturen weltweit. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Rolle des Mannes, doch die Beteiligung von Frauen in diesem Bereich weitet sich aus. In der Ukraine nimmt ein Frauennetzwerk nun Sachen selbst in die Hand: Sie verändern die Perspektive auf die Rolle von Frauen, die im Widerstand gegen die russische Aggression aktiv sind. Die Leiterin der NGO „Ukrainian Women’s Guard“ hat mit uns über ihr Engagement, und das von Frauen in Krisenzeiten generell, gesprochen.

„Viele Frauen schrieben mir danach und sagten mir, dass sie ohne unsere Kurse vielleicht nicht mehr am Leben wären. Vielen gelang es dank unserer Schulungen, ganze Häuser und Häuserblöcke in den Vororten von Kyiv zu retten.“

Olena Biletska ist Anwältin, Sozialaktivistin und Mutter von vier Kindern und leitet seit 2014 die Organisation “Ukrainian Women’s Guard” (UWG). Zwischen unerwarteten Stromausfällen, Luftalarm in der Hauptstadt der Ukraine und ihrer täglichen Arbeit haben wir es geschafft, sie über Zoom zu erreichen. Wir sprechen mit ihr über die Gründung ihrer Widerstandsbewegung von und für Frauen und die gesellschaftlichen Auswirkungen.

Das UWG ist die einzige Nichtregierungsorganisation, die militärische und nichtmilitärische Ausbildung anbietet, und die es Frauen ermöglicht, sich den Kämpfen des Krieges zu stellen - das ist gleichzeitig herausfordernd und inspirierend. Als Olena von den beeindruckenden Erfolgen der UWG in Zeiten der russischen Aggression erzählt, scheint sie dabei keineswegs heroisch zu sein: Sie beschreibt es als Teil ihrer alltäglichen Arbeitsroutine und bringt ein großes Verantwortungsgefühl für die Zukunft der Bewegung und ihres Landes zum Ausdruck.

Ukrainische Frauen bei der Ausbildung des UWG (Foto: Ukrainian Women’s Guard)

Was ist das Ukrainian Women’s Guard (UWG)?

Olena Biletska: Wir sind ein Netzwerk der Frauenwiderstandsbewegung in der Ukraine, das von mir, Olena Biletska, zu Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine im Jahr 2014 gegründet wurde. Die Absicht der UWG ist es, ein nationales Bürger*innen-Netzwerk für die Frauenbewegung zu schaffen, um Widerstand gegen die russische Aggression zu zeigen. Durch die allgemeine militärische Ausbildung bereiten wir die Zivilbevölkerung auf Krisensituationen vor. Dadurch wissen sie, wie man sich vereint, was zu tun ist, wie man überlebt und, wenn möglich, wie man dem Feind Widerstand leistet. Die Grundlage für alles, was wir tun und anbieten, sind die fünf Prinzipien “Vertrauen”, “Sicherheit”, “Zusammenarbeit”, „Solidarität“ und “Zuverlässigkeit”.

Wie ist die Organisation entstanden?

Olena Biletska: Im Februar 2014 waren alle verwirrt und niemand wusste, was er oder sie tun sollte. Ich war mit militärischen Angelegenheiten verbunden, weil mein Mann zu dieser Zeit Freiwilligeneinheiten trainierte. So war es für mich selbstverständlich, mich mit dem Vorschlag an ihn zu wenden, auch eine Ausbildung für Frauen durchzuführen. Als ich die Ankündigung für die Schulung auf Facebook veröffentlichte, erhielt ich innerhalb weniger Tage mehr als 600 Kommentare. Da wurde mir klar, dass es viele Frauen wie mich gibt – viele waren verwirrt und fühlten sich für eine Kriegssituation überhaupt nicht gerüstet. Also führten wir eine Massenerziehung und eine allgemeine militärische Ausbildung durch. Jeden Samstag und Sonntag berichteten wir über das Überleben unter Kriegsbedingungen und über die paramedizinische Behandlung von Frauen. Im ersten Jahr bildeten wir bereits rund 5.000 Frauen in der UWG aus.

Das UWG bietet auch die Ausbildung an der Waffe und andere generelle militärische Trainings an - speziell für Frauen. (Foto: Ukrainian Women’s Guard, ninelka.com.ua)

Wie sieht die Ausbildung aus?

Olena Biletska: Wenn man sich für unsere Schulung angemeldet, ist der erste Teil ein Einführungsvortrag, der drei bis vier Stunden dauert. Die anschließende Schulung umfasst dann Themen wie “Überleben im Krieg im urbanen Raum”, “Umgang mit Feindseligkeiten, Not- und Krisensituationen”, “allgemeine Selbstverteidigung” sowie psychologische Seminare, die online durchgeführt werden. Die von uns angebotene Ausbildung lässt sich mit einem einjährigen Universitätsstudium zum Thema Überleben in Kriegs- und Krisensituationen vergleichen.

Müssen die Teilnehmer für die Teilnahme bezahlen?

Olena Biletska: Nein, zumindest nicht, wenn sie dazu nicht in der Lage sind. UWG erhebt keine Mitgliedsbeiträge, um die Hürde so niedrig wie möglich zu halten. Daher sind wir auf Spenden angewiesen. In den ersten Jahren, also etwa von 2014 bis 2016, habe ich das gesamte Projekt selbst finanziert. Im Jahr 2017 erhielten wir von der litauischen Botschaft einen Zuschuss, den wir im Rahmen eines sozialen Frauenprojekts für die Restaurierung einer Mühle im Westen der Ukraine nutzten. Ab 2022 gewährten uns die Ukrainische Frauenstiftung und die Stiftung „Vidrodzhennia“ kleine Zuschüsse, mit denen wir weitere Überlebenstrainings durchführen konnten. Derzeit sind wir weiterhin auf der Suche nach einer dauerhaften Möglichkeit, unsere Arbeit zu finanzieren.

Auch Überlebenstrainings und Selbstverteidigungskurse werden vom UWG angeboten. (Foto: Ukrainian Women’s Guard)

Was hat Sie dazu bewogen, die UWG zu gründen?

Olena Biletska: Damals verstand ich einfach, dass es für mich eine Priorität war, Frauen zu verbinden, anderen irgendwie Kraft zu geben, indem ich ihnen durch Fähigkeiten Unabhängigkeit verschaffte. Diesem Instinkt zu folgen und sagen zu können, dass ich zur Ausbildung von mehr als 60.000 Frauen in der ganzen Ukraine beigetragen habe, ist der Freiheit zu verdanken, mit der ich aufgewachsen bin. Ich kann mir die Zukunft der Ukraine unter Besatzung einfach nicht vorstellen.

Bei allen Wetterbedingungen finden die Trainings statt. (Foto: Ukrainian Women’s Guard)

Diese Freiheit aufrechtzuerhalten, war 2014 meine Priorität und ist auch 2023 immer noch meine Hauptmotivation. Ich folgte einfach meinem Instinkt und fühlte mich für die Bewegung, die ich ins Leben gerufen hatte, verantwortlich. Zu Beginn war mir nicht ganz klar, wie umfangreich es werden würde. Im Jahr 2014 hätte ich mir nicht vorstellen können, jemals die Leitung einer Organisation dieser Größenordnung zu übernehmen. Rückblickend ist es cool, eine Heldin zu sein, aber wenn man in die Zukunft blickt, ist es sehr schwierig, sich selbst als Person der Stunde vorzustellen. Heute erscheint mir die Gründung der UWG wie eine Fantasie.

Eine Fantasie, deren Schöpferin du warst…

Olena Biletska: Obwohl die ursprüngliche Idee von mir stammte, bin ich vielen Menschen dankbar, die mir auf dem Weg geholfen haben. Um beispielsweise den Aufbau eines so großen Netzwerks zu perfektionieren, habe ich Hilfe und Rat von Militärangehörigen außerhalb der Ukraine erhalten. Und als ich die NGO registrierte, schlossen sich mir sofort fünf meiner Freundinnen als Mitbegründerinnen an. Alles und jede, die an dem Prozess beteiligt war, hat mir viel beigebracht. Zuallererst musste ich lernen, wie man kommuniziert, Kontakte knüpft, zueinander zugetan ist und den Mitgliedern einer Frauengesellschaft zuhört. Als junge Anwältin war ich immer von männlichen Kollegen umgeben. Ich war mit ihren Ideen und Arbeitsweisen vertraut und musste mich daher an eine rein weibliche Konstellation gewöhnen.

Eine medizinische Grundausbildung für Notfääle gehört ebenso zum Teil der Ausbildung. (Foto: Ukrainian Women’s Guard)

Die Gründung der UWG war auch mein erster Kontakt mit dem Sektor der Nichtregierungsorganisationen. Vorher hatte ich mich nie an sozialen Aktivitäten beteiligt, außer irgendwo mitzuhelfen oder mich bei Wohltätigkeitsorganisationen zu beteiligen. Aber ungeachtet meiner Unerfahrenheit wollte ich, dass der Widerstand Bestand hat, dass die Organisation jahrelang existiert, unabhängig davon, ob Olena Biletska da ist oder nicht. Es war und ist mein Traum, dass diese Organisation zum Gesicht der ukrainischen Frauen wird.

Sie haben bisher definitiv das Leben vieler Frauen beeinflusst...

Olena Biletska: Ich versuche es zumindest. Manchmal können öffentliche Aktivitäten in der Ukraine ziemlich chaotisch, situativ und abhängig von den Anforderungen einer unvorhersehbaren Situation wirken. Aber ich bin ein sehr systematischer Mensch, deshalb glaube ich, dass alle unsere Bemühungen systematisch strukturiert sein sollten und sich immer an den Bedürfnissen der Frauen und der Gesellschaft als Ganzes orientieren sollten. Es kann leicht passieren, dass die Realität aus dem Blickfeld gerät und wir denken, dass wir etwas Gutes tun, aber niemand braucht unsere Bemühungen. Deshalb wollen wir in Zukunft Frauen einfach unterstützen und ihre Selbstständigkeit sicherstellen. Das Frauenwiderstandsnetzwerk in der Ukraine ist sehr mächtig und auf alles vorbereitet.

An verschiedenen Waffen werden die Teilnehmerinnen durch das UWG ausgebildet. (Foto: Ukrainian Women’s Guard)

Würden Sie sagen, dass Sie auf den 24. Februar 2022 in irgendeiner Weise vorbereitet waren?

„Ich habe Kyiv und die Region Kyiv verteidigt, als ich im fünften Monat schwanger war. Ich konnte es mir einfach nicht erlauben, etwas anderes zu tun. Ich befand mich in einer Position, in der ich etwas ändern konnte.“

Olena Biletska: Durch die Ausbildung der Frauengarde kann man vorbereitet sein, aber man kann nie auf den Krieg vorbereitet sein. Als der Krieg in vollem Umfang begann, erwachte plötzlich in der gesamten Ukraine das Netzwerk der Frauenwiderstandsbewegung zum Leben. Alle Mädchen, die seit 2014 an unserem Training teilgenommen haben oder in irgendeiner Weise mit unserer Organisation verbunden waren, wussten, was zu tun ist. Die Mitglieder des Netzwerks halfen bei der Evakuierung von Menschen aus den besetzten Gebieten, führten Verhandlungen mit dem Feind und stellten innerhalb weniger Stunden Kommunikationskanäle her. Ich persönlich war rund um die Uhr am Telefon. Ich bin nirgendwohin gegangen, ich habe meine Kinder nirgendwohin mitgenommen und ich habe Kyiv und die Kyiver Region verteidigt, während ich im fünften Monat schwanger war. Ich konnte es mir einfach nicht erlauben, etwas anderes zu tun.

Bei allen Wetterbedingungen finden die Trainings statt. (Foto: Ukrainian Women’s Guard)

Ich befand mich in einer Situation, in der ich etwas ändern konnte. Mit dem Wissen, das ich mir als Ausbilderin für Überlebenstrainings bei Kampfeinsätzen und Notfallsituationen angeeignet hatte, ging ich verschiedene Szenarien durch und beschloss, dass meine Familie und ich in der Hauptstadt bleiben würden. Für andere mag diese Entscheidung riskant erscheinen, aber Kyiv ist wie ein Symbol. Wenn Kyiv erobert worden wäre, gäbe es keine Ukraine mehr.


Russlands bewaffnete Aggression gegen die Ukraine begann im Februar 2014 mit der Annexion eines Teils des ukrainischen Territoriums – der Halbinsel Krim – und der Invasion russischer Spezialeinheiten im ukrainischen Donbass. Zwar wurden die Minsker Vereinbarungen zur friedlichen Beilegung des Konflikts unterzeichnet, doch Russland erfüllte sie nicht und beschoss weiterhin ukrainische Stellungen in der Region. Im November 2021 baut die Russische Föderation aktiv ihre Truppen an der Grenze zur Ukraine auf. Am 24. Februar 2022 schließlich kündigte der russische Präsident Putin den Beginn der sogenannten „militärischen Sonderoperation“ in der Ukraine an, die zu einem umfassenden Krieg, zahlreichen Angriffen auf zivile und militärische Infrastruktur und der Besetzung von Teilen des ukrainischen Territoriums führte . Die ukrainische Gesellschaft schloss sich zusammen und organisierte verschiedene Initiativen, um dem Feind Widerstand zu leisten und die Folgen der russischen Angriffe zu bewältigen.


Wie hat die russische Großinvasion im Jahr 2022 Ihre Arbeit beeinflusst?

Olena Biletska: Das UWG hat zu Beginn des Jahres 2022 immense Arbeit geleistet. Mir persönlich war bereits 2021 klar, dass es zu einer groß angelegten Invasion kommen würde, und seit Sommer 2021 bin ich durch unsere Stadtverwaltungen gelaufen und habe gefragt: „Lassen Sie uns eine Massenschulung für die Bürger*innen zum Thema ‘Überleben im Krieg’ durchführen!“ Aber mir wurde gesagt, dass es nicht notwendig und nicht zeitgemäß sei. Dann, im Januar 2022, habe ich einfach selbst eine Ankündigung veröffentlicht: Die UWG würde eine Schulung mit dem Titel „Überleben in der Stadt bei Feindseligkeiten, Notsituationen und anderen Krisensituationen“ durchführen.

Auch eine strategische Militärausbildung wird angeboten. (Foto: Ukrainian Women’s Guard)

Für jeden Kurs haben sich mehr als 1.500 Frauen angemeldet. Damals waren wir durch die Pandemie eingeschränkt, sodass wir die Teilnehmer*innenzahl auf maximal 300 bis 400 Personen begrenzen mussten. Die Nationale Taras-Schewtschenko-Universität Kyiv überließ uns die Nutzung ihrer Räumlichkeiten, und unser Bürgermeister Klitschko stellte den Veranstaltungsort für die Schulung zur Verfügung. Wir haben fünf bis sechs Militärkurse durchgeführt, die wir an die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung angepasst haben. Viele Frauen schrieben mir danach und sagten, dass sie ohne diese Kurse vielleicht nicht mehr am Leben wären. Vielen gelang es dank unserer Schulung, ganze Häuser und Häuserblöcke in den Vororten von Kyiv zu retten.

Was ist Ihr Ziel für die UWG?

Olena Biletska: Im vergangenen Jahr sind fast 10.000 Frauen der Organisation beigetreten, eine Zahl, die ich mir nie hätte vorstellen können, und die mich immer noch verwirrt. In der Ukraine nahm das Engagement der Zivilgesellschaft aufgrund einer schweren Krise zu. Die Situation hält an und die Nachfrage nach unserer Ausbildung bleibt auf dem gleichen Höchststand wie seit Anfang letzten Jahres. Jeder möchte sich sicher fühlen, und das UWG ist in der Lage, Hoffnung auf Sicherheit und Überleben zu verbreiten. Mit UWG möchte ich garantieren, dass immer jemand für die Menschen da ist, unabhängig von ihrem Status, ihrem geografischen Standort oder der Art der Bedrohung.

Das Interview gab einen Einblick in die Bedeutung des Engagements von NGOs in Kriegszeiten. Olena zeigte offen das Engagement von Frauen durch das UWG und wie sie durch ihr Handeln weiterhin das Leben der Menschen beeinflussen. Die Leistungen und das Engagement von Organisationen wie der UWG sind in Kriegszeiten und darüber hinaus von entscheidender Bedeutung. Ihre Arbeit kann für andere Akteure auf diesem Gebiet inspirierend sein und ist in vielerlei Hinsicht heroisch.

Dieser Artikel ist Teil des Projekts “Newsroom Europe”, das junge Europäer*innen aus drei EU-Mitgliedstaaten (Deutschland, Schweden & Spanien) trainiert, kritisch und reflektiert über europäische Entscheidungsfindung zu berichten. Das Projekt wird gemeinsam von der Europäischen Akademie Berlin e.V., den Museen für Weltkultur Schweden, und der Friedrich Naumann Stiftung Spanien durchgeführt, und wird von der Europäischen Union ko-finanziert.

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