„Wir sollten nicht länger stumm bleiben“

, von  Hannah Illing

„Wir sollten nicht länger stumm bleiben“
Der Fokus der „No Hate Speech“-Bewegung liegt darauf, Betroffene zu schützen und all jene zu vernetzen, die sich für eine produktive Debattenkultur im Netz einsetzen wollen. © No Hate Speech

Populistische Parteien in der Europäischen Union sind im Aufwind. Heute stellt Treffpunkt Europa deshalb eine Initiative vor, die sich für Toleranz, Integration und eine produktive Debattenkultur im Netz einsetzt: Die „No Hate Speech“-Kampagne.

treffpunkteuropa.de: Bei „No Hate Speech“ geht ihr seit 2016 gegen Hass und Hetze im Netz vor. Wie funktioniert das?

Dana Buchzik von „No Hate Speech“: Da sprichst du gleich ein klassisches Missverständnis an, mit dem unsere Kampagne immer wieder konfrontiert wird. Wir sind keine Melde- oder Sanktionierungsstelle, wir „gehen“ also nicht gegen Hass „vor“, sondern unser Fokus liegt darauf, Betroffene zu schützen, zu stärken und all jene zu vernetzen, die sich für eine produktive Debattenkultur im Netz einsetzen wollen.

Wir informieren über das Phänomen Hass im Netz, erklären, wo und wie man Hassposts melden oder zur Anzeige bringen kann, nennen Ansprechpartner für individuelle Formen von Hate Speech, liefern Informationen zu Gegenrede (Counter Speech) und eine Menge Konter-Memes, Videos und Sprüche zum Downloaden. Alle Infos gibt’s übrigens auch auf Englisch und in leichter Sprache.

Darüber hinaus generieren wir mit unserer Comedy-Video-Reihe „Bundestrollamt für gegen digitalen Hass“ internationale Aufmerksamkeit, vernetzen regional wie überregional AktivistInnen, versorgen Interessierte mit Buttons, Kugelschreibern, Luftballons, Notizbüchern, Postkarten, Power Banks und Stoffbeuteln und sprechen auf nationalen und internationalen Veranstaltungen über das Thema Hate Speech.

Wieso sollten wir das Thema Hass und Hetze im Internet ernst nehmen?

77 Prozent der 14- bis 59-Jährigen in Deutschland wurden laut einer Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen bereits mit Hate Speech konfrontiert. Zudem ist ein deutlicher gesamtgesellschaftlicher Anstieg von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit messbar, wie Prof. Dr. Andreas Zick, der seit 2002 an der Langzeitstudie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Deutschland mitarbeitet, im Interview mit der Amadeo Antonio-Stiftung erklärt hat; die Übergriffe auf Flüchtlingsheime sprechen ihre eigene Sprache. Immer mehr Studien legen nahe, dass ein Zusammenhang zwischen sprachlicher und körperlicher Gewalt besteht; zum Beispiel konnte eine Datenanalyse aus den Jahren 2014 und 2013 aufzeigen, dass eine verstärkte Onlinesuche nach antimuslimischen Hassbegriffen mit dem Auftreten antimuslimischer Gewalt korreliert. Digitale Gewalt kann sich in der analogen Welt fortsetzen, wenn sich ihr niemand entgegenstellt. Umso wichtiger ist es, dass die Mehrheit der Bevölkerung, die menschenverachtende Aussagen keineswegs unterstützt, nicht länger stumm bleibt.

Habt ihr konkrete Projekte für das Wahljahr 2017?

Im Wahljahr 2017 stellt sich die Frage nach einem produktiven Umgang mit Hate Speech umso dringlicher. Im Zuge der politischen Debatten um drei Landtagswahlen und die Bundestagswahl ist mit neuen Dimensionen von Hass im Netz zu rechnen. Unsere Kampagne wird 2017 redaktionelle Netzwerktreffen in mehreren deutschen Großstädten auf die Beine stellen, um Wissen und Orientierung im Umgang mit Hassrede zu vermitteln und Redaktionsabläufe im Falle eines Shitstorms oder/und persönlicher Drohungenzu optimieren.

Auf Basis dieser Netzwerktreffen sowie aktueller wissenschaftlicher Daten (zu unseren Partnern zählen u.a. der Mediendienst Integration, das Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung und das Institut für Publizistik der FU Berlin) werden wir bis Ende des Jahres einen Best Practice-Leitfaden zum Thema Hate Speech erarbeiten und frei zur Verfügung stellen.

Außerdem arbeiten wir aktuell an einer deutschen Fassung des Europarat-Handbuchs Bookmarks, das TrainerInnen sowie MultiplikatorInnen bei ihrer Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterstützt und Hate Speech im Netz Medienkompetenz und Menschenrechtsbildung entgegensetzen will.

Wer steckt in Deutschland hinter dem Projekt? Seid ihr ehrenamtlich angestellt?

Die No Hate Speech-Kampagne wird in Deutschland von den Neuen deutschen Medienmachern koordiniert, einem bundesweiten, unabhängigen Zusammenschluss von Journalistinnen und Journalisten mit und ohne Migrationshintergrund. Gefördert werden wir im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wir arbeiten derzeit in einem vierköpfigen Team aus freien und festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

„No Hate Speech“ ist eine Kampagne des Europarats, läuft sie in allen europäischen Ländern?

Es sind 42 von 47 Ländern dabei; eine Übersichtskarte findet sich auf unserer Website. Es gibt aber auch Kampagnen außerhalb Europas, etwa in Kanada und Mexiko. Wer uns in Deutschland unterstützen will, kontaktiert uns am besten per E-Mail: info chez no-hate-speech.de.

In welcher Form werdet ihr vom Europarat unterstützt?

Der Europarat steht den nationalen Kampagnen mit Rat und Tat zur Seite: Er sendet TrainerInnen sowie ReferentInnen aus, bietet Trainings zur Weiterbildung rund um das Thema Hass im Netz an, veranstaltet Netzwerk-Treffen mit anderen Organisationen und Kampagnen, stellt das Handbuch Bookmarks sämtlichen Kampagnen zur Verfügung und koordiniert die internationalen Action Days, zum Beispiel den Action Day gegen sexistische Hate Speech am 08. März 2017.

Habt ihr durch euer Engagement schon Erfolge erzielt und falls ja, worin äußern sich diese?

Erfolge sind bei Kampagnen, die sich der Öffentlichkeitsarbeit oder/und Prävention widmen, im Allgemeinen schwer messbar. Wir können keine deutschlandweite Umfrage starten, wer von unserer Arbeit zum Nach- oder Umdenken angeregt wurde. Wir können aber über Reichweiten und Rückmeldungen sprechen: Unsere Website hat seit ihrem Launch über vier Millionen Seitenaufrufe generiert, bei Twitter erreichen wir monatlich bis zu eine Million Menschen, bei Facebook pro Post bis zu 100.000 Userinnen und User. Unsere Counter Speech Memes werden von prominenten Akteurinnen und Akteuren wie etwa Frank-Walter Steinmeier und der Bundesregierung genutzt. Die Presseresonanz deckte ein breites Spektrum von taz über Tagesschau und Spiegel Online bis zu jetzt.de ab und fiel sehr positiv aus. Fast täglich erreichen uns Bestellungen für Kampagnenmaterial und Veranstaltungsanfragen. Bisher haben wir bei über 50 internationalen Veranstaltungen Hate Speech thematisiert, zum Beispiel beim YouTube Summit for Social Change in London, beim Koordinierungs-Treffen der No Hate Speech-Kampagnen aus 42 Ländern in Tirana und bei der OSCE-Konferenz zum Thema „Tolerance and Diversity“ in Berlin.

Bei Kampagnen wie der unseren lässt sich natürlich auch Gegenwind als Erfolgsindikator bzw. als Bestätigung lesen, dass das No Hate Speech Movement notwendig ist: Fast tägliche Hasskommentare und mehrere Hackerangriffe zeigen uns, dass sich in der breiten Bevölkerung noch nicht die Erkenntnisdurchgesetzt hat, dass Meinungsfreiheit kein absolutes Recht ist, sondern ihre Grenzen findet, sobald die Menschenwürde eines anderen angegriffen wird – und vor allem, dass von Hate Speech Betroffene nicht einfach allein gelassen werden dürfen, sondern unterstützt und bestärkt werden sollten.

Vielen Dank für das Interview.

Die Fragen für treffpunkteuropa.de stellte Hannah Illing.

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