Essay: Gesicht zeigen für Europa!

, von  Arthur Molt

Essay: Gesicht zeigen für Europa!
Feiertagslaune in Europa! Und abseits der freudigen Demonstrationen: gesichtslose Hetze. Eine Begegnung in Berlin inspirierte den Autor zu diesem Text. © Arthur Molt

Frühlingserwachen in Europa. Das Wetter am 25. März lädt zum Demonstrieren ein. Überall auf dem Kontinent begehen Europäer den Jahrestag der Römischen Verträge mit denen die EWG geschaffen wurde. Ein Vorläufer der heutigen EU. Europa feiert seinen 60. Geburtstag.

Was bewegt die Menschen, die auf die Straße gehen? Denke ich fast irritiert. Menschen in wohlhabenden Staaten gehen doch sonst auf die Straße um gegen etwas zu demonstrieren.

Ablehnung von etwas. Nicht Bekenntnis zu etwas. Das ist sehr einfach. Das ist so üblich.

Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und begebe mich zum Brandenburger Tor, wo die Abschlusskundgebung des March for Europe stattfindet. Am Bundestag vorbei, ein Stück durch den schattigen Tiergarten. Paare, Familien, Touristen. Samstägliche Ruhe und Behaglichkeit.

Die erste politische Wortmeldung kommt ungefragt und trifft mich unerwartet.

„Verbrecher! Verbrecher! Haut ab! Zurück mit euch nach Rumänien!“

Eines der Paare hat sich umgedreht und schreit zwei andere Passanten an. Das Paar dürfte über sechzig sein. Etwas älter als die Europäische Einigung. Ein besonders gemütliches Paar auf einem Wochenendspaziergang. Sie schreien sehr laut.

Die Passanten sind zwei junge Frauen. Dunkle Hautfarbe, lange schwarze Haare, bunte Klamotten. Dem Anschein nach Angehörige der Sinti und Roma. Genau weiß ich das nicht. Das ältere Paar, das immer noch schreit, weiß es auch nicht. In den Händen halten die beiden Frauen zwei blaue Luftballons mit Europasternen. Wollen sie zur Demonstration, bei der später Ballons in den Himmel aufsteigen?

Diese zwei schwarzhaarigen Frauen mit den Luftballons in Europafarben sind in diesem Moment alles, was Menschen wie das alte Pärchen ablehnen. Sie lehnen den Fremden ab, den sie kategorisch für einen Verbrecher halten. Sie lehnen die Europäische Union ab, die sie für verantwortlich halten dafür, dass Fremde ins Land kommen. „Geht zurück nach Rumänien!“ Die Szene steht so deutlich für die Situation 2017, dass es mir beinahe grotesk erscheint. Es ist die Vorahnung, dass wir unsere Zukunft verspielen könnten, weil wir das Recht auf das eigene Vorurteil für das wichtigste Grundrecht halten. Alltagsrassismus wird 2017 über unsere Zukunft entscheiden.

Ablehnung von etwas. Nicht Bekenntnis zu etwas. Das ist sehr einfach. Das ist so üblich.

Es ist sehr einfach Einwanderer aus Rumänien pauschal als Verbrecher zu bezeichnen. Es empirisch zu belegen ist kompliziert. Abzuschätzen, wie viele Bauarbeiter aus Rumänien deutsche Shopping Malls errichten, in denen alte Pärchen Samstags einkaufen können ist auch kompliziert. Sehr kompliziert ist es auch, auszurechnen, welchen Beitrag die große Anzahl von Akademikern aus Rumänien zur langfristigen Sicherung der deutschen Sozialsysteme beiträgt. Noch komplizierter ist es, abzuschätzen, welchen Beitrag der zollfreie Warenverkehr zwischen Deutschland und Rumänien zum deutschen Wohlstand beiträgt.

Es ließe sich natürlich testen, was wir einbüßen würden, wenn wir den freien Waren- und Personenverkehr in der EU aussetzen. Try and Error. Die Briten machen das gerade. Kann man so machen. Ist aber teuer.

Mit dem alten Pärchen hätte ich viel besprechen können. Fragen wären mir schon eingefallen. Was ist leichter: einen Kompromiss zwischen 27 Staatschefs zu finden oder den eigenen Alltagsrassismus zu besiegen? Zum Beispiel den fremden Passanten zu fragen, wie er seinen Samstag verbringt und was seine Wünsche für die Zukunft sind. Ich hätte sie fragen können, ob sie sich schon einmal das Denkmal angeschaut haben, an dem die beiden schwarzhaarigen Frauen eben vorbeigelaufen sind. Ja, die beiden Frauen, die sie eben beschimpft haben.

Es wehen auch deutsche Flaggen auf dem Reichstag. Keine Panik! Im Vordergrund ein Denkmal und lohnender Lernort zur deutschen Geschichte.

Ein weitverbreiteter Irrtum ist nämlich, dass Denkmäler errichten werden, um sich kollektiv zu schämen. Dabei sind diese Orte dafür da (und der Name deutet daraufhin), an langen Samstagen innezuhalten und nachzudenken. Ja und auch um den Gestorbenen und Gefolterten zu gedenken, wenn man dieses Bedürfnis ehrlich empfindet. Das können Menschen im Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas tun.

Aber vermutlich wäre das Pärchen für ein Gespräch nicht bereit gewesen. Sie hätten vermutlich Angst gehabt, dass ich Lügen über sie verbreite. Oder vielleicht haben sie einfach Angst zu ihrem Weltbild zu stehen. Vielleicht haben sie Angst, sich unbequeme Fragen anzuhören. Angst haben sie auf jeden Fall. Komisch. Vielleicht waren sie 1957 doch noch zu jung, um sich klar an das zu erinnern, was wirklich Angst macht.

Hetzen ohne Gesicht zu zeigen. Das ist sehr einfach. Das ist so üblich.

Es sind alte Pärchen wie das im Tiergarten, die in den anstehenden Wahlen über die Zukunft Europas entscheiden. Manche kann man überzeugen. Die richtigen Fragen stellen könnte helfen.

Manche kann man nicht überzeugen. Aber man kann dafür sorgen, dass ihre Weltsicht eine Minderheitenposition bleibt. Wählen gehen könnte helfen. Gesicht zeigen, zu den gemeinsamen europäischen Werten stehen könnte helfen.

Glücklicherweise habe ich am Samstag noch einige Menschen getroffen, die genau das getan haben.

Die Stimmung war gut. Ein klares Bekenntnis zu etwas macht offensichtlich gute Laune.

Lesen sie hier: Eindrücke vom March for Europe Berlin.

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