Brief an Europa: Kämpft für die Demokratie

, von  Martin Samse

Brief an Europa: Kämpft für die Demokratie
Der gewählte US-Präsident Trump repräsentiert unsere Sucht nach flacher Unterhaltung und schlichert Inszenierung. Der freien Presse sagt er an seinem ersten Amtstag den Kampf an. Cayobo / Flickr/ CC licence

Der Brief an Europa geht an diesem Sonntag an uns alle. Martin Samse warnt vor dem Trump in uns. Die Mission unserer Generation lautet: Der aktive Kampf um den Erhalt der Demokratie.

Dieser Brief geht an uns alle, an uns Europäer. Genauer gesagt: An die jungen Wähler Europas, ob Männlein oder Weiblein. Die Informierten; jene die lesen, klicken und liken. An uns: die Liberalen, Grünen, Konservativen und Linken.

Auch wir lassen uns gerne unterhalten, auch wir ergötzen uns am Tabubruch. Wir lieben den Krawall und die Unterhaltung. Das dürfen wir auch. Doch seit diesem Freitag ist die Party offiziell beendet: Mit der Vereidigung Donald Trumps zum Präsidenten der U.S.A wird unser schlimmster Albtraum war.

Der Trump in uns allen

Mit einer Mischung aus Sensationsgier und Angstlust haben wir dabei zugesehen wie ein egozentrischer Baulöwe sich durch den schmutzigsten Wahlkampf der amerikanischen Geschichte gepöbelt hat. Und da war etwas in uns, das war nicht nur angewidert sondern auch fasziniert. Wir, die wir nach Außen hin seine Werte verabscheuen sind tief beeindruckt von seiner Dreistigkeit.

Wir haben gelesen und diskutiert, geklickt und gelacht, uns gewunden und gegruselt. Wir mussten einfach hinschauen weil Trump die Sau raus lässt die wir eingesperrt haben.

Zugegeben: Wer würde sich nicht gerne die größten Ziele setzen und diese im absoluten Größenwahn verwirklichen wollen? Wer würde nicht in einem fetten Tower wohnen, mit Geld um sich werfen und nebenbei die Topmodels abschleppen? Wer würde nicht gerne für einen Abend alle Etikette über Bord werfen und seine Gegner einfach von der Bühne pöbeln?

Trump war es in diesem Wahlkampf gelungen Freund und Feind in seinen Bann zu ziehen. Dabei ist es egal „Was“ er tat, solange das „Wie“ unsere tiefsten Bedürfnisse nach Krawall und Unterhaltung befriedigte. Trump faszinierte jeden von uns, weil er ungeniert die vulgären Phantasien auslebt die wir uns verboten haben zu träumen - weil wir’s eigentlich besser wissen.

Trump ist der Feind

Wir haben uns vor Trump gegruselt und über ihn gelacht. Aber wer lacht jetzt? Es sind die Chauvinisten und die Machos, die Rechten und die Faschisten - unsere Feinde. Sie sind die Nutznießer einer Verwahrlosung des demokratischen Diskurs. Sie profitieren nicht zuletzt von der Apathie einer jungen Wählerschaft die vor lauter Ironie und Sarkasmus zunehmend den Ernst der Lage verkennt.

Trump lacht nicht über die Fremden, die Schwachen und die Andersdenkenden - er verachtet sie. Er will keine Diskussion, keinen Austausch und keinen Kompromiss. Er hasst Politiker, Bürokraten und Journalisten. Kurzum: Der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten verabscheut die Institutionen unserer Demokratie.

Wer die Demokratie hasst, der hasst auch Demokraten. Das heißt: Er hasst uns. Es wird Zeit, dass wir das persönlich nehmen.

Wir müssen kämpfen

Unsere künftige Mission lautet: Der aktive Kampf um den Erhalt der Demokratie.

Eine Demokratie rettet man nicht mit einem ironischen Tweet oder einem Like unter einer Trump-Karikatur. Für die Demokratie zu kämpfen bedeutet aktiven Widerstand gegen die Vereinfacher, Krawallmacher und populistischen Showmaster zu leisten.

Das heißt: Wenn Wahl ist, dann geht man wählen und wenn die Rechten aufmarschieren dann zeigt man Präsenz. Und wenn ein Krawall-Entertainer wie Mario Barth aus der Gosse des Privatfernsehens hervorkriecht um seine ersten populistischen Gehversuche zu unternehmen dann heißt es: Einspruch, Widerrede, Richtigstellung!

Denn Journalisten sind keine Lügner und Andersdenkende sind kein Abschaum. Es gibt nicht eine Wahrheit sondern Hunderte davon. Und zwischen denen abzuwägen ist die Aufgabe, der wir uns stellen. Jeden Tag. Weil wir es wollen.

An alle jungen Wähler in Europa: Hören wir auf zu spotten und zu lachen. Schützen wir unsere Demokratie vor den Demagogen und Populisten. Sonst geht es uns wie den vielen verzweifelten jungen AmerikanerInnen an diesen unseeligen Tagen in den Vereinigten Staaten.

Ersparen wir uns das.

Hochachtungsvoll,

von einem der mitlachte bis es ihm im Halse stecken blieb.

Ihr Kommentar

  • Am 29. Januar um 13:56, von  duodecim stellae Als Antwort Brief an Europa: Kämpft für die Demokratie

    Ausgezeichneter Artikel. Ich finde es gut, dass der Autor versucht das Phänomen Trump wirklich zu ergründen, anstatt es plump zu verteufeln. Klar hat Trump einen Dachschaden, aber er agiert dabei überaus dreist und wirkt in seinem Auftreten authentisch und das imponiert Menschen. Trump ist auch eine Reaktion auf die überbordende Political Correctness des Establishments, die mittlerweile selbst vom dämlichsten Redneck als übelste Heuchelei erkannt wird. Es handelt sich um einen pseudomoralischen Kodex, der beliebig benutzt wird, Stimmen die einem nicht passen mundtot zu machen, kontroverse Debatten zu ersticken und letztlich die Meinungsfreiheit zu beschneiden. Das dekadente Establishment hat den moralischen Verfall vorangetrieben und die Moral mit Political Correctness ersetzt und damit den weg geebnet, für einen Menschen, der jedwede Moral ablehnt und dafür von den Menschen honoriert wird. Wir müssen in Europa unsere Moral, unseren Geneinsinn, aber auch eine gesunde Diskussions- und Streitkultur wieder entdecken, damit uns nicht das gleiche katastrophale Schicksal blüht wie Amerika.

  • Am 30. Januar um 14:22, von  Martin Samse Als Antwort Brief an Europa: Kämpft für die Demokratie

    Besten Dank für das Lob und die fleißige Aktivität in der Commentsection! ;)

    Ich war unlängst auf einer Anti-AFD Demo und bin da eher pessimistisch was die gesunde Diskussions- und Streitkultur angeht. Der Ton wird rauer und die Fronten härter. 2017 wird in vielerlei Hinsicht ein „interessantes“ politisches Jahr.

  • Am 30. Januar um 15:22, von  duodecim stellae Als Antwort Brief an Europa: Kämpft für die Demokratie

    Ich fürchte, da hast du Recht. Das Problem sind heutzutage auch die „sozialen“ Medien und die kommunizierenden Röhren in denen eine zunehmende Ideologisierung und Extremisierung stattfindet. Ich will nur klarstellen, dass ich nicht sage: Was gegen Political Correctness verstößt ist per se gut. Ich denke einfach, man sollte zu seiner Meinung stehen, auch wenn diese kontrovers ist und der Mehrheitsmeinung widerspricht oder gar moralisch aneckt. Ich glaube auch auf der anderen Seite hat die Debatte keine Chance. Die AfD selbst kopiert eigentlich die Diskussionsmethoden der Political Correctness nur präsentieren die eine andere Form von nationaler Correctness und nationales Ideal. Ich kann mir nicht vorstellen mit solchen Leuten eine differenzierte Debatte über den Islam oder die Vorteile der EU zu führen, weil in der Ideologie beides erklärte Feindbilder sind. Die Frage ist nur, wo soll das alles hinführen? Bürgerkrieg? Wir werden es in den USA sehen...

  • Am 2. Februar um 20:54, von  Marcel Boehm Als Antwort Brief an Europa: Kämpft für die Demokratie

    Eine Frage die mich seit einiger Zeit besorgt ist ob vielleicht ein erhärten der Fronten nötig ist in Angesicht von nahezu keiner Kompromissbereitschaft von der Anti-EU Szene und eine erhöhte Gewaltbereitschaft von beiden Seiten. Was nützt offene Diskussion wenn niemand zuhört? Die Zahl von unseren extremen „Gegner“ steigt und die politische Ereignisse lässt viele an die Integrität der EU zweifeln. Ist es Zeit für radikale EU Anhänger?

  • Am 3. Februar um 08:48, von  Martin Samse Als Antwort Brief an Europa: Kämpft für die Demokratie

    @Marcel Brehm

    Ja. Vermutlich.

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